Kultur : VOR: Babel & Co

BRUNO PREISENDÖRFER

Berlin ist nicht immer leicht zu nehmen; leicht hinzunehmen, mögen manche gar denken, auch wenn sich unter der Schelte dann häufig doch wieder Zuneigung verbirgt, die sich halt auf herrische Weise Luft macht.Als Graubündner in Berlin indessen, als der sich Silvio Huonder schon vor Jahren geoutet hat, kommt man leicht ohne den stadttypischen Grobianismus aus und kann den Ureinwohnern fröhlich eins flüstern auf charmante Schweizer Art.Daß aber dem Schweizer Ton das Behäbig-Urige, das ihm gelegentlich angedichtet wird, ganz und gar fremd sein kann, spielt Huonder in seinem neuen Roman "Übungsheft der Liebe" vor, aus dem er morgen ab 21 Uhr im Buchhändlerkeller lesen wird.

Ebenfalls morgen stellt Melissa Müller ihre neue Biografie über Anne Frank (Claassen) vor (Literaturhandlung, 19 Uhr 30).Das Buch sorgte für Aufsehen, weil sie einen Blick auf fünf bisher unveröffentlichte Seiten des Frank-Tagebuchs werfen durfte, in denen Anne Bemerkungen über die Ehe ihrer Eltern gemacht hatte.Die sehr begrenzte Wichtigkeit dieser neuen "Einsichten" steht aber in keinem Verhältnis zum Wirbel um die ganze Sache.Viel interessanter wäre eine kritische Diskussion des Kultur- und Medienproduktes, zu dem Anne Frank und ihr Tagebuch längst geworden sind.

In ganz anderer Weise wird die Produktion von medialer Aufmerksamkeit im KulturSchock 4 thematisch, dem man sich unter dem Titel "Straßenkampf" am Samstag in der literaturWERKstatt aussetzen kann (ab 12 Uhr).Es geht um die Art und Weise, wie Terroristen, Partisanen und Straßenkämpfer sich mediale Zuwendung erzwingen.Darüber sprechen drei Professoren (Herfried Münkler, Manfred Schneider, Heike Behrend) und ein Rechtsanwalt (Horst Mahler).Es wird also ganz honorig zugehen.Moderiert wird von Matthias Kross.

Am nächsten Tag, dem Sonntag, kann man den Straßenkämpfer dann mit dem Flaneur kontern.Im Literaturhaus wird um 11 Uhr 30 die Ausstellung "Franz Hessel: Nur was uns anschaut sehen wir" eröffnet.Vom Flanieren wird immer viel modisches Gewese gemacht, obwohl diese Form, sich in der modernen Großstadt zu bewegen, rührend inadäquat ist.Die heute angemessene Ästhetik urbaner Wahrnehmung ist die des Videoclips.Was zu Hessels Zeiten vielleicht eine gerade noch mögliche Stadterfahrung gewesen sein mag, ist längst bloß nostalgische Karikatur.Es überrascht deshalb auch kaum, daß "Flanieren" heute vor allem als Kaufbefehl durch Werbesprüche floskelt.Dabei ist der schwebenden Aufmerksamkeit des Flaneurs nichts fremder als das Wandern zwischen Warenständen.Das Tütengeschleppe beim shopping und die freihändige Nichtsnutzigkeit des Flaneurs schließen einander aus.Hessel wußte das natürlich.Auch in seinem Berlin (oder Paris) war das Flanieren bereits eine ungewöhnliche und auffallende Methode, sich in der Stadt zu bewegen.Nicht ohne Grund heißt das erste seiner Berliner Feuilletons "Der Verdächtige": "Langsam durch belebte Straßen zu gehen, ist ein besonderes Vergnügen.Aber meine lieben Berliner Mitbürger machen einem das nicht leicht [...] Ich bekomme immer mißtrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Beschäftigten zu flanieren.Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb." Und halb hat der Verdacht ja recht: Der Flaneuer ist zwar kein Taschen-, aber ein Tagedieb.Genau das macht ihn sympathisch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben