Kultur : VOR - Babel & Co

Manche kulturelle und ökonomische Strategie wird mit Zähigkeit über Jahrzehnte hinweg verfolgt.Das gilt auch für die Versuche, die Buchpreisbindung zu kappen.Die erste Offensive zur "Liberalisierung" gab es bereits Ende der 60er Jahre.1979 kam dann der nächste Anlauf.Frankreich hatte die Preisbindung aufgehoben (die Aufhebung wurde schon wenige Jahre später wieder zurückgenommen) und auch in Deutschland wurden die Stimmen der Leute wieder lauter, für die Bücher bloß Waren sind wie Würste.Klaus Wagenbach warnte damals davor, daß uns die Bücher Wurst sind."Eine Gesellschaft, die sich nur noch über Wurstpreise verständigt, entwürdigt sich selbst." Das war, wie gesagt, vor knapp 20 Jahren.Derzeit wird heftiger denn je an der Preisbindung gerüttelt.Dieses Mal versucht man es mit dem großen Hebel EU.Noch dazu in einer Phase, in der nicht nur Autokonzerne, Banken und Chemieunternehmen fusionieren, sondern auch die Buch- und Medienbranche einem durchgreifenden Konzentrationsprozeß unterworfen ist.Der Kulturmarkt wird zentralisiert, innerlich ausgehölt und tendenziell der Planwirtschaft von ein paar Oligopolisten ausgeliefert.Natürlich, ich weiß: Die Buchpreisbindung ist kein Spannungsthema, die Neustrukturierung der Kulturindustrie, in deren Rahmen sie gehört, aber schon.Heute abend ab 19 Uhr kann darüber in der Akademie der Künste mit György Konrad, Michael Naumann, Siegfried Unseld, Friedrich Dieckmann und anderen diskutiert werden.Rechtsanwalt Raue moderiert.

Wer aber glaubt, daß man sich die Argumente sowieso an zehn Fingern abzählen kann, kann stattdessen um 20 Uhr ins Literaturhaus gehen und dort dem Meister des elften Fingers begegnen - oder jedenfalls einem seiner Nachfolger."Der elfte Finger" war der Titel einer Story-Sammlung von Walter Serner, und der diesjährige Nachfolger des Großmeisters der Kleinform heißt Raul Zelik, ausgezeichnet mit dem Walter-Serner-Preis 1998.Übrigens sind im neuen Freibeuter (Nr.78) die rasanten "Iserlohn Beats" von Zelik nachzulesen.

"Schwarze Milch der Frühe", "ein Grab in den Lüften", "der Tod ist ein Meister aus Deutschland" - Metapherfetzen aus einem "heiligen" Text, aus Celans "Todesfuge" nämlich.Dieses Gedicht hat den Status der Unberührbarkeit.Kritik daran ist nicht statthaft.Oder gar eine Parodie - nicht auszudenken.Schon vor etlichen Jahren konnte man den Adolf Hitler tanzen sehen und neuerdings darf man sich an lustigen KZ-Filmen freuen, aber wehe, man spielt mit Sockeltexten des Grauens wie der "Todesfuge".Und was ist das für ein Weihekitsch, wenn über Celan und "uns" geschrieben wird: "Das sind wir ihm schuldig: Ihn uns zu erlesen." Hier liegt ein Mißverständnis vor.Dichter sind keine Gläubiger, Leser keine Schuldner.Am kommenden Dienstag kann man ab 20 Uhr im Literaturforum beim " Geheimnis der Begegnung" zwischen Blanche Kommerell und Paul Celan dabei sein.

Jedesmal, wenn von Strindberg die Rede ist, sehe ich vor meinem inneren Auge ein Foto, auf dem das Verzweiflungsgenie am Schreibtisch sitzt, gerade frisch zusammengebrochen, den Kopf mit der Stirn auf die Arme gelegt.Er konnte sehr schön leiden.Über " Strindberg und die Photographie" gibt es ab Sonntag, 11 Uhr 30, eine Ausstellung in der Akademie der Künste.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben