Kultur : VOR - Babel & Co

Der Typ, der immer diese großen Fußbadrücke im Himalaja macht, ist schwer zu finden.Sogar im Lexikon.Ich schaue unter "Kangmi" nach, finde aber nur den Berg Kangchenjunga, übrigens der dritthöchste der Erde, und gleich danach die Känguruhratte.Dann probiere ich es mit "Yeti" und werde von dort zum "Schneemensch" geschickt: "Angebl.affenähnl.Großsäugetier in den Hochgebirgsregionen Z-Asiens (Himalaja, Pamir), für dessen umstrittene Existenz Fußspuren, Exkremente und Haare zeugen sollen; wiss.Expeditionen aus jüngster Zeit konnten keine Bestätigung seiner Existenz erbringen." Aus "jüngster Zeit", naja, mein Lexikon ist über 10 Jahre alt, und Reinhold Messner hat den Yeti erst neulich gefunden.In einem Diavortrag im Audi-Max der FU (Garystr.35) kriegen wir ihn heute abend um 20 Uhr gezeigt, den Yeti.Den Messner auch.Im Veranstaltungsprospekt des S.Fischer Verlages, in dem Messners "Yeti - Legende und Wirklichkeit" erschienen ist, heißt es geheimnisvoll, daß der Riesenplattfuß "eindeutig einer bestimmten Tiergattung zuzuordnen" ist.Irgendeinem Bären wahrscheinlich, der uns aufgebunden werden soll.Andererseits ist Messner nicht Robinson Crusoe, der sich am Strand seiner Insel bekanntlich vor den eigenen Fußstapfen erschrocken hat - womit ich vom Bergsteigen zum Bücherlesen hinauf- und vom Gipfel auf die Insel hinabgestiegen wäre, auf eine sonnige noch dazu.

Uns Berliner Saisonschneemenschen würde ein Sommerhaus später, nämlich erst am Freitag um 20 Uhr in der Brotfabrik ganz gut tun. Judith Hermann liest aus ihrem Erzählungband, mit dem ihr ein gelungenes und viel gelobtes Debüt geglückt ist.Das Beste, was ihre Texte haben, rührt aus dem, was ihnen glücklich fehlt: das "Fabulieren" zum Beispiel und das "sprachmächtige" Girlandenhängen.

Ob ein Terminus criticus wie "unverklemmte Sachlichkeit" geeignet ist, solche Erzählhaltungen zu beschreiben, will ich lieber nicht diskutieren.Eine solche jedenfalls hat der ARD "Kulturweltspiegel" den erotischen Geschichten von Dagmar Fedderke attestiert.Sie liest morgen um 20 Uhr im Galeriecafé Jojo (Torstr.216) aus ihrem Buch "Couchette", in dem "keine schlüpfrige Wäsche gewaschen wird", wie die "Süddeutsche Zeitung" aufatmend zu vermelden wußte und dabei erleichtert ein Kalauerchen fahren ließ.Es gibt aber auch literarischen Waschzwang: "Wenn man Brechts pornographische Gedichte liest, fällt auf, daß er immer wieder die Notwendigkeit des Duschens nach dem Beischlaf betont." Das hat in "unverklemmter Sachlichkeit" Heiner Müller vor etlichen Jahren in einem Interview festgestellt.Weitere " Fundsachen Heiner Müller" in einer Ausstellung in der Akademie der Künste, Eröffnung am Sonntag um 11 Uhr 30.

Am Abend vorher (Sonnabend) kann man sich von 20 bis 24 Uhr im Literarischen Colloquium in den Lese-Marathon stürzen, mit dem der Übersetzertag abgeschlossen wird.Es lesen unter anderen Grete Osterwald (Jacques LeGoff), Nikolaus Stingl (Thomas Pynchon) und Ragni Maria Gschwend (Claudio Magris).Zwischendurch läßt sich bei Wein und Häppchen besprechen, ob Übersetzungen Stilverderber sind.Thomas Mann: "Ich werde nie verstehen, wie das viele Lesen von Übersetzungen in meiner Jugend mir den Stil nicht vollständig verdorben hat."

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