Kultur : VOR - Babel & Co

Herr Kurt Schwitters war der unwahrscheinlich berühmte Kunstvorführmensch der unwahrscheinlich unberühmten Stadt Hannover an der Leine.Die unwahrscheinlich unberühmte Stadt Hannover wäre wahrscheinlich berühmt geworden, hätte die Obrigkeit am 20.Juli 1967, dem 80.Geburtstag des allerdings schon 1948 im englischen Exil gestorbenen großen Kleinkünstlers, dem Vorschlag zugestimmt, die unberühmte Stadt nach ihrem berühmten "Sohn" in Kurt-Schwitters-Stadt umzubenennen.In Hannover wucherte Schwitters erster Merz-Bau, und zwar in der Waldhausenstraße Nummer 5, 2.Etage links.Und dahin hat er auch sein Publikum gebeten: "Mitten in der Zeit ernsten Aufbauens lade ich Sie ein, zu mir zu kommen und einmal herzlich zu lachen." Den zahlenden Gästen (eine Mark oder "wenigstens 94 Pfennige") verwirrte er die Sprachgewohnheiten und merzte mit Ur-Sonaten und Anna Blume die Klischees aus, die das Leben den Leuten ins Denken drückt.Wenn bei solcher Gelegenheit die Gattin des Kunstkritikers Friedrich August Leopold Kasimir Amadeus Gneomar Lutetius Feuerhake in Ohnmacht fuhl (ich "weiß an dieser Stelle sehr wohl, daß es eigentlich fiel heißen muß"), so war auch das eine Narrationskapriole des Herrn Schwitters, der heute abend in Berlin zum Herzlichlachen einlädt: "Kommen Sie bitte um 8 Uhr pünktlich und bringen Sie viele nette Menschen mit." Die aktualisierte Adresse: Wohnzimmer-Bar, Lettestraße 6, Prenzlauerberg.Dort rezitiert Markus Epha wilde Worte von Schwitters, Morgenstern, Hessel und Hans Boetticher, genannt Ringelnatz.Von diesem Turndichter und Daddeldu gibt es ein Bösreimchen "An Berliner Kinder": "Was meint ihr wohl, was eure Eltern treiben,/Wenn ihr schlafen gehen müßt?" Die Antwort schaukelt sich über vier Zeilen hoch bis zur "Papagei-Sodomiterei" und fällt dann wiederum vier Zeilen ab zum Schlußakkord: "Pfui Spinne, Berlin!", Tusch, Vorhang.

Wer sich lieber nicht verschwittern und ringelvernatzen lassen will kann heute um 20 Uhr in der Germanistik-Bibliothek der FU (Rostlaube) "Relax" begegnen, dem Erstling von Alexa Hennig von Lange.Der Roman macht sich an den üblichen Standardthemen der sogenannten Jugendkultur zu schaffen, womit ganz authentisch wieder mal Parties und ecstasy gemeint sind.In der Welt des Romans ist alles erlaubt, auch eine "brüllend komische Schreibe", wie sie der Autorin gelegentlich attestiert wird, als wäre ihr Text ein Stück Harzer Käse Werbung von gestern.Dazu paßt dann ganz gut, daß von Lange sich schon bei Harald Schmidt durchgenickt hat, dessen überragende Verdienste um die deutsche Sprache ja bekannt sind.Immerhin wurde er von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung schon vor einiger Zeit entsprechend ausgezeichnet.An dieser Bauchrobbe vor Haralds Großmaul, auf die sich die "Darmstädter" als mutige Tat auch noch eine Menge einbildeten, war schön zu sehen, was für angepaßte Langweiler in der Akademie das Sagen haben - womit es mir nach zwei Anläufen gelungen wäre, in einem Absatz drei Generationen zu bepoltern, von einer brüllend komischen Jungautorin über einen brüllend komischen Komiker komischen Alters bis zu den brüllend komischen Honoratioren der Darmstädter Akademie.Ringelnatz "An Berliner Kinder": "Ach schweigen wir lieber."

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