Kultur : VOR - Babel & Co

Auf den hölzernen Rahmen der Fenster in den Bummelzügen, mit denen ich vor Jahrhunderten zur Schule fuhr, stand schwarz auf weißen Aufklebern: "Nicht hinauslehnen. Lebensgefahr!" Für uns erfahrungsdumme Jungindianer war das eine direkte Aufforderung zum Erwerb von Tapferkeitsmedaillen zwecks Rangbehauptung in der Schulranzenhorde. Wie das flitzte, wenn man mit zusammengekniffenen Augen das Köpfchen aus dem Fenster streckte und die grünen Stahlmaste, manchmal auch noch teerige Holzpfähle, einem entgegensprangen. Ein Masten-Zick-Zack spielten wir uns so vor, das nicht wirklich gefährlich, aber auch nicht ganz ungefährlich war. Zum Glück ist nie etwas passiert. Man kann sich aber nicht nur aus Zugfenstern, sondern auch aus Kolumnen lehnen, was ich in der letzten Woche mit Victor Klemperers Tagebüchern probiert habe. Jede Konjunktur hat ihre heiligen Kühe, und denen darf ruhig mal ins Horn gezwickt werden, vom Schlachten war ja gar nicht die Rede, auch wenn die Hirten dann "aua!" rufen. Klemperers Tagebücher hatte ich übrigens dann doch als "Jahrhunderttip" der Woche empfohlen, aber erst am Schluß der Kolumne, und so weit hinausgelehnt, daß der Empfehlungssatz unter den Schneidetisch purzelte. Die Empfehlung sei also ausdrücklich noch einmal wiederholt. Was aber die "Jahrhunderttips" im allgemeinen angeht, so will ich die Gelegenheit zur Verfahrenseinstellung nutzen. Freilich will ich mir die Freiheit zu Ausfallschritten nehmen und - hoffentlich unberechenbar - vor Büchern warnen, die man nun gerade nicht lesen soll.

Günter de Bruyns Jugenderinnerungen "Zwischenbilanz" bekommen keinen Bann, obwohl ich, frei heraus gesagt, das Buch nicht mag. De Bruyn ist ein Kiesel, den viele Wasser glatt geschliffen haben, und so herrscht denn noch beim Schlimmen dieser behagliche Alterston à la Thomas Mann vor, dieses stilistisch Stehengebliebene und deshalb abgestandene. Aber ich will meine "Ungerechtigkeiten" nicht zu weit treiben und auf de Bruyns Lesung aus der "Zwischenbilanz" am Dienstag um 19 Uhr in der Staatsbibliothek Unter den Linden hinweisen.

Wenn es uns Deutsche ums Deutsche geht erklingt selten der richtige Ton. Von Klaus Schlesinger kann man hören: "Die Wahl zwischen BRD und DDR war mir schon immer vorgekommen wie eine Wahl zwischen Pest und Cholera." Das sind so Sätze ohne Maßstab, Ausdruck eines Extremismus des provinzlerischen deutschen Unbehagens an sich selbst. Mehr davon heute um 20 Uhr: Bibliothek in der Senefelderstr. 6. Morgen um 19 Uhr 30 kommt Alexander Osang in der "neuen Mitte" an und bietet der Zuhörerschaft einige seiner "kultigen" Reportagen und Porträts: Bibliothek in der Esmarchstr. 18.

Weil so viel gepoltert wurde in dieser Kolumne will ich am Schluß wenigstens bei Thomas Rosenlöcher noch ein bißchen "Radfahren". Oder nein, ich nehme lieber die Straßenbahn: "Die Straßenbahn hielt mitten auf der Strecke. Der Fahrer nahm seine Aktentasche und ging zu den Blocks hinüber, wo er verschwand. Das ist ja heiter, sagte die Frau in schwarz. In der Tat konnte man nur hoffen, daß die Ablösung bald käme. Über dem Warten wurde es still in der Bahn. Das Kind hatte sein Gesicht an die Fensterscheibe gelegt" - es lehnt sich nicht hinaus, keine Lebensgefahr - "und erklärte der Mutter, was es draußen sah. Hin und wieder hüstelt oder scharrte ein Fahrgast, und beinahe jeder spürte, wie dicht man beieinander saß." Am Montag um 20 Uhr tritt Rosenlächer im Literaturforum auf.

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