Kultur : VOR - Babel & Co

Teufel nochmal, der Höllentrust braucht Personalabbau. Nach jüngsten Berechnungen, sie stammen aus dem 16. Jahrhundert, stehen unter 72 Vorstandsteufeln genau 7 405 926 Angestellte in Lohn und Brot. Aber betriebsbedingte Kündigungen scheitern seit Jahrhunderten an der Lobby des Bösen. Kein Wunder, daß das Management der Hölle zu Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Zuflucht nimmt, um den Laden halbwegs am Laufen zu halten. Der Unterteufel Nummer 1/331/929-a beispielsweise wurde als Pudelkern verkleidet zu einem deutschen Prof. geschickt, der sich zu Tode langweilte, zum Leben aber selbst zu langweilig war. Sogar ans naive Gretchen kam er ohne die Hilfe des von ihm engagierten Bocksfußes nicht heran. Faust ist dem Durchschnittsmephisto, der gewitzt seinen Job macht wie jeder Versicherungsvertreter, gar nicht gewachsen. Erst stürzt das Weichei sein Gretchen ins Unglück, dann lamentiert er herum: "O wär ich nie geboren!" Aber als Gretchen sich nicht vom Teufel holen lassen will, auch nicht aus dem Kerker, und der arme Teufel daraufhin seinen Chef drohend zur Flucht drängt ("Komm! komm! Ich lasse dich mit ihr im Stich"), macht Faust sich dünne, ganz der typische "Schreibtischtäter". Ein Jammer, daß "deutsch" und "faustisch" so gern zusammengeschmust wird, daß diesem läppischen Dunkelmännertum in der Geschichte unserer Kultur ein so prominenter Rang gebührt. Über "Faust und die Deutschen" hat Willi Jasper im vorigen Jahr ein Buch veröffentlicht, das er am Dienstag um 20 Uhr mit Lothar Ehrlich von der Stiftung Weimarer Klassik im Literaturforum diskutiert.

Bevor es deutsch-deutsch weitergeht eine Stippvisite nach Kuba. Dafür braucht man morgen um 20 Uhr nur in die Literaturwerkstatt zu gehen: Auftritt Miguel Barnet und Alberto Guerra. Barnet, Jahrgang 1940, wurde mit "Cimarrón" bekannt, der Lebensgeschichte eines 106 Jahre alten ehemaligen kubanischen Sklaven. Alberto Guerra wiederum, geboren 1963, ist einer der preisgekrönten Stars der jüngeren kubanischen Literatur. Moderiert wird von Ottmar Ette.

1989-1999: Klar, daß sie wieder Konjunktur haben, die Geschichten vom "Mauerfall", frisch aufgebürstet zum Zehnjährigen: Mensch, stell dir mal vor, ich war gerade in New York, als die Mauer aufging; nicht zu fassen, da steppt vor deiner Haustür die Weltgeschichte und du sitzt in einem AmiHotel vorm Fernseher; bist dein janzes Leben inne Stadt, wa, und wenn es dann endlich losgeht, biste nich da. Oder: Sozialistischer Betriebsausflug nach Rügen - und kaum hat man die Kapuzenjoppe für die erste Inselwanderung ausgepackt, geht zuhause die Schatulle auf. Oder, und das ist meine Variante: Früher Morgen, Grenzübergang Sonnenallee, Freudegucken, Händeringen, Trabbitrommeln, Flaschensekt mit Fremden, gegen drei Rückfahrt im Taxi; ein Fahrer, der tränenschluckend irgendwas von zuhause erzählt; was hatterdenn, denke ich die ganze Zeit und schlafe fast ein hinten im Fond; erst beim Aussteigen merke ich: mein rührend gerührter Tränenkutscher ist Koreaner. Wieder andere Geschichten erzählen die DDR-Diplomaten, die im Ausland die Selbstauflösung ihres Staates erlebten. Mehr davon kann man heute abend um 18 Uhr 30 von Birgit Malchow in der Berliner Stadtbibliothek erfahren.

Zum Schluß eine deutsch-deutsche Zugabe: 22. Juni vor 25 Jahren, Hamburger Volksparkstadion, hüben gegen drüben (je nach Halbzeit und Staatsangehörigkeit), 78. Minute: Jürgen Sparwasser bringt den Ball hinter den Rücken von Sepp Maier, 1:0 für die DDR, zwei Punkte. Hier Ende mit einem, angesagt von Ror Wolf: "Über den Punkt gibt es eigentlich wenig zu sagen. Er versteht sich von selbst."

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