Kultur : Vor dem Debüt

HANS-JÖRG ROTHER

50 Jahre Filmhochschule Lodz - zwei Abende im Polnischen KulturinstitutVON HANS-JÖRG ROTHERFilmhochschulen waren im Realsozialismus Kampfstätten des Geistes.Die verordnete Ideologie prallte hier mit dem Freiheitswillen junger Leute zusammen, die sich über ihr Talent noch klar werden mußten, und die nicht minder beaufsichtigten Dozenten sollten die Kunst des Kompromisses lernen.Wie hartnäckig man die kreativen Freiräume verteidigte oder wie bereitwillig man sich anpaßte, hatte stets auch etwas mit der Position der Intelligenz des jeweiligen Landes zu tun.Darum wundert es nicht, daß die 1948 in Lodz gegründete Filmhochschule (heute: Hochschule für Film, Fernsehen und Theater) viele Ruhmesblätter vorweisen kann.Nirgendwo sonst legten einmal ein Rektor, der Filmhistoriker Jerzy Toeplitz, und einige Gleichgesinnte, aus Protest gegen die antijüdischen Restriktionen im Jahr 1968, ihr Amt nieder, nirgendwo sonst war das Verlangen nach Selbstbestimmung über die Jahrzehnte so stark. Die Atmosphäre der Vergangenheit läßt sich heute, wo nichts außer dem Budget das Filmemachen einschränkt, nur schwer in Erinnerung rufen.Für die Historie zählt allein "Der erste Schritt über den Wolken", wie das Polnische Kulturinstitut sein auf zwei Abende verteiltes Programm genannt hat: die Talentproben, denen viele, manchmal auch bedeutende Werke folgten.Einzelne kurze Arbeiten tragen noch den Charakter einer Vorübung, wie Andrzej Wajdas fünfminütige Etüde von einem Liebespaar und einem störenden Jungen auf einem Gutshof des vergangenen Jahrhunderts ("Böser Junge") aus dem Jahr 1951.Roman Polanski dagegen bewies schon mit der absurden Groteske "Zwei Männer und ein Schrank" (1958) sichere Professionalität.Das läßt sich auch von dem "Wunschkonzert" Krzysztof Kiéslowskis aus dem Jahr 1967 sagen. Am zweiten, den Zeitraum von 1970 bis zur Gegenwart umfassenden Abend, wird das strenge Schwarzweiß der ersten beiden Jahrzehnte zunehmend durch Farbe aufgehellt, die Sujets wirken lockerer und subjektiver.Miroslaw Dembi¿nski zum Beispiel läßt in "Mein kleiner Everest" (1988) an einer surrealen Bergbesteigung teilhaben - eine blendend montierte und natürlich an Buñuels "Der andalusische Hund" erinnernde Deutung der eigenen Tiefenlage.Auch dokumentare Genres gewinnen in den achtziger Jahren an Gewicht, wie Lukasz Wylezaleks bohrendes Zeugnis von einer Dorflehrerin, die sich "Mitten in Polen, am Ende der Welt" - so der Titel des 1985 entstandenen Films - an der Hartherzigkeit der Eltern scheitern sieht, beweist.Daneben gedeiht die apokalyptische Horror-Vision wie "Möbius strip" von Lukasz Karwowski aus dem Jahr 1988, die einmal mehr das gute Zusammenwirken von Regie-, Kamera- und Schauspielkunst in Lodz vor Augen führt. Bei allem Wechsel der stilistischen Orientierung scheint das polnische Kino im Spiegel dieser Sammlung seiner romantischen Veranlagung treu zu bleiben.Der jüngste Film der Reihe, "Die Stille" von Malgorzata Szumowska mit seiner Beschwörung der Idylle eines Bauernhofes, holt im Grunde den - etwas heruntergekommenen - Schauplatz von Wajdas "Böser Junge" in die Gegenwart.Aber auch die Suche nach der verantwortungsvollen Autorität bleibt ein Dauerthema in Lodz.Wie gebannt erlebt in Krzysztof Zanussis auch optisch überwältigender Arbeit "Der Tod des Abts" (1965) ein Student die letzten Lebensstunden eines asketischen Klostervorstehers mit, und 1995 sucht, in Iwona Siekierzy¿nskas Talentprobe "Frauchen", ein von seinen Eltern sich selbst überlassenes Mädchen umsonst das Gespräch mit einem Priester.Autoritäten sterben oder haben keine Zeit. Für Fragen steht am Montag, nach den Filmen der fünfziger und sechziger Jahre, Marek Piwowski zur Verfügung.Filme der siebziger, achtziger und neunziger Jahren werden am Dienstag gezeigt.Beginn jeweils 20 Uhr.

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