Kultur : Vor dem Frühling

Der libysche Schriftsteller Hisham Matar schreibt über seinen von Gaddafis Schergen entführten Vater

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Foto: Diana Matar/Verlag
Foto: Diana Matar/Verlag

Es waren bewegende Momente für den libyschen Schriftsteller Hisham Matar, als er Anfang des Jahres erfuhr, dass Libyens Diktator Gaddafi unter dem Eindruck der Ereignisse in Tunesien und Ägypten politische Gefangene aus der Haft entlassen hatte. Unter den Freigelassenen befanden sich zwei Onkel und zwei Cousins von Matar, die über 20 Jahre festgehalten wurden. Nach dem ersten Telefonat mit einem seiner Onkel, so erzählte es Matar im März in der „New York Times“, begann er sogleich, dessen Stimme zu vermissen: „Ich wartete eine halbe Stunde und rief wieder an.“

Nicht unter den Freigelassenen war Hisham Matars Vater Jaballa, der als politisch aktiver Gaddafi-Gegner und einstiger Königsberater 1990 vom libyschen Geheimdienst in Kairo entführt wurde. Matar war zu der Zeit zwanzig Jahre alt und hatte gerade sein Architekturstudium in London begonnen. Seit 1996 hat der immer noch in London lebende Matar nichts mehr von seinem Vater gehört, seit dem Jahr, als in dem berüchtigten Abu-Salim-Gefängnis ein Aufstand von Gaddafis Truppen brutalst niedergeschlagen wurde, mit vermutlich 1200 Toten.

„Ich weiß nicht, ob mein Vater tot ist, aber ich weiß auch nicht, ob er noch lebt“, heißt es nun in Matars gerade auf Deutsch veröffentlichten zweiten Roman „Geschichte eines Verschwindens“. Der erzählt nicht nur die Geschichte eines verschwundenen Vaters, sondern insbesondere davon, wie ein halbwüchsiger Sohn versucht, mit der Entführung seines Vaters umzugehen. Und wie diese in eine Zeit fällt, in der der Junge sexuell erwacht und der Verwirrung seines Gefühlslebens Herr zu werden versucht, verliebt er sich doch in seine jugendliche, gut aussehende Stiefmutter: „Ich vermisste sie so sehr“, erzählt der Junge, da er sich in einem englischen Internat befindet, „dass ich bald schon zu schreiben aufhörte und das schmerzvolle Sehnen nach ihr in meiner Brust bergen musste.“

Das einzig Autobiografische an seinem Roman sei der Satz über die Unwissenheit, ob sein Vater tot sei oder noch lebe, hat Hisham Matar in einem Interview gesagt. Tatsächlich hat Matar, der 1970 in New York geboren wurde und seine Kindheit bis 1979 in Tripolis verbrachte, den Roman allein schon zeitlich um zwei Dekaden zurückverlegt. Er beginnt 1972, drei Jahre nach der Vertreibung von König Idris I. und der Machtergreifung Gaddafis. Matars 14-jähriger Held und Ich-Erzähler Nuri el-Alfi hält sich mit seiner Stiefmutter Mona und dem Vater gerade in Genf auf, als letzterer dort in der Wohnung einer Geliebten gekidnappt wird. Und der Roman endet zehn Jahre später, nachdem Nuri ein Studium in London absolviert hat und nach Kairo in sein Elternhaus zurückkehrt – um unangenehme Wahrheiten aus dem eigenen und dem Leben des Vaters reicher, und ohne eine Spur von dem Vater gefunden zu haben: „Seit seinem plötzlichen, geheimnisvollen Verschwinden hat es nicht einen Tag gegeben, an dem ich nicht nach ihm gesucht hätte, selbst an den unwahrscheinlichsten Orten. Alles und jeder, die Existenz an sich, kann ihn heraufbeschwören, birgt Ähnlichkeiten.“

Immer wieder, wenn Nuri das Verhältnis zu seinem Vater beschreibt, wenn er schildert, wie es ist, ohne ihn zu sein, schimmern natürlich die Erfahrungen des Autors mit dem verschwundenen Vater und die Erinnerungen an ihn durch. Trotzdem überzeugt Matars kleiner, melancholisch verhangener Roman auch als fiktive Coming-OfAge-Geschichte, so wie überhaupt Hisham Matar ein Meister der Einfühlung in Kindheitswelten zu sein scheint.

Sein 2006 veröffentlichter, für den Booker Prize nominierter Roman „Im Land der Männer“ schildert die Revolution in Libyen aus der Perspektive eines Neunjährigen, der miterlebt, wie erst der Vater eines Freundes und dann der eigene Vater verschleppt werden, wie ein Überwachungsstaat das familiäre Leben durchdringt und verändert. „Im Land der Männer“ vermittelt intensiv, wie es im Libyen nicht nur der siebziger Jahre zugegangen sein muss, der Roman erzählt direkt aus dem Innern des Schreckens. Doch auch in „Geschichte eines Verschwindens“ bildet Gaddafis Terrorherrschaft die Folie des Geschehens. Stets schwingt eine unsichtbare Bedrohung mit, gerade für Exil-Libyer. Selbst wenn sie Nuri als solche nicht wahrnimmt. „Monsieur Nuri, die müssen doch auch Sie besucht haben.“, sagt am Ende der einstige Anwalt seines Vaters. „Wer?“–„Wollen Sie etwa sagen, dass in all den Jahren niemand von denen bei Ihnen war?“- „Um Gottes willen, wen meinen Sie?“

Hisham Matar ist sich dieser Bedrohung bewusst, „seit dem Tag, als meine Familie Libyen verließ, habe ich mich immer verstohlen umgeschaut“, schrieb er in einem Beitrag für die „FAZ“. Und nach Erscheinen von „Im Land der Männer“ hätte für ihn ein zweites Exil begonnen: „Libysche Offizielle forderten mich auf zu schweigen. Dafür boten sie mir Geld an. Als das nichts fruchtete, begannen die versteckten Drohungen.“

Damit dürfte es nun ein Ende haben. Seit dem Beginn des arabischen Frühlings bilden Matars Wohnung und Büro eine Art informelle Schaltzentrale für den Widerstand in Libyen. „Geschichte eines Verschwindens“ endet damit, dass Nuri in den alten Regenmantel des Vaters schlüpft, mit den Worten: „Er wird einen Regenmantel brauchen wenn er zurückkommt. Der hier könnte ihm noch passen.“ Da weiß man, dass Hisham Matar noch einen Funken Hoffnung hat. Dass für ihn die Suche nach dem Vater oder dessen sterblichen Überresten jetzt, nach dem Ende des Gaddafi-Regimes, noch viel intensiver weitergeht.

Hisham Matar: Geschichte eines Verschwindens. Roman. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Luchterhand Verlag, München 2011. 192 S., 19, 90 €.

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