Kultur : Vor dem Rausch

Kunst der Verführung: über Filmanfänge

Christiane Peitz

Mit dem Kino ist es wie mit der Liebe: Wenn sie was taugt, steckt in der ersten Begegnung die ganze Geschichte. Also wie fängt es an, wie verführen mich die Bilder und buhlen um meine Aufmerksamkeit? Mit Nahaufnahmen, klar: Die Filme der Berlinale 2006, dieses Festivals der Bilderaskese, gehen zu Beginn gerne auf Tuchfühlung. Kein Überblick, eine Irritation. Ein Waschbecken, ein Männertorso im Bad, durch den Türspalt beäugt, das erste Bild von „El Custodio“: Elegie auf einen einsamen Leibwächter. Oder ein Knie, ein Stück Sessel und eine Hand mit Zigarette: der Anfang von „Invisible Waves“. Das Bild weitet sich, auf das Knie und die Hand zielt eine Pistole. Es folgt die 115minütige Odyssee eines Mörders, dessen Reise anders verläuft, als er denkt. „Der freie Wille“ eröffnet mit einer Rückenansicht. Voller Scheu nähert sich die Kamera Jürgen Vogel, und man ahnt: Diesem Film ist ein bisschen bange vor sich selbst. Er ist sich nicht sicher, ob das geht, die Annäherung an den Triebtäter Theo.

Manchmal ist es wie ein Duft, ein Geräusch während des Vorspanns zum Beispiel. Der Wind? Das Meer? Ein sich nähernder Zug? Ach nein, es sind die vorbeirasenden Wagen auf der Autobahn: Bülent Akincis „Lebensversicherer“ (Perspektive Deutsches Kino) schläft im Auto, lebt im Auto. Eine Randexistenz: Albtraum eines Gegenwartsnomaden.

„Elementarteilchen“ beginnt mit einem Spruch. „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden.“ Einstein. Das sitzt. Weil es nicht stimmt: Wir gehen ins Kino, weil wir verstehen wollen. Etwa den Klonforscher, der den Satz in den Computer tippt.

Überhaupt: Kontraste. Sie eröffnen den Raum, den der Film ausmisst. Zu Beginn der Irakdokumentation„My Country, my Country“ fliegt ein Vogel über einer Siedlung in den Himmel. Ein Alltagsidyll. Aber die Tonspur weht ferne Detonationen herbei. Von wegen Frieden. Michael Winterbottom macht es in „Road to Guantanamo“ genauso: Erst zeigt er George W. Bush, dann einen ehemaligen Kriegsgefangenen. Gleich sage ich euch, wer Recht hat, bedeutet Winterbottom damit.

Wie fängt eigentlich Robert Altman an? Der Anfang von „A Prairie Home Companion“: vergessen. Weil er uns gleich hinreißt, davonträgt. Wie bei der ganz großen Liebe.

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