Kultur : Vor dem Sturm (Kommentar)

Peter von Becker

Jetzt hat sie auch Niedersachsen erreicht. Wer dieser Tage vor den Toren Hannovers am Endbahnhof der S-Bahnlinie 11 ins Freie tritt, der reibt sich, wieder und wieder, den Sand aus den Augen, um hinter Hitzeglast und Staubwolken jene Baustelle zu erspähen, die sich rühmt, "größer als das Fürstentum Monaco" zu sein. Ohnehin ist es am Expo-Gelände seit Wochen sonniger und trockener als in Monaco, und bei den vielen Wundern der demnächst beginnenden Weltausstellung dürfte nur das Mittelmeer fehlen. Ein Stück Meer wollen die Monegassen zwar an ihrem Expo-Pavillon herbeizaubern, doch weil in der dort gähnenden Grube eine größtmögliche Luxusyacht zur Entspannung laden soll, wird drumherum wohl wenig Wasser Platz haben. Im Augenblick fehlt es freilich noch an beidem, am Schiff und am Nass. Dafür wird die niedersächsische Steppe im Handumdrehen mit Rollrasen begrünt, ein mächtiges Glashaus nebenan, der Türkische Pavillon, hat bis vor Tagen da auch nicht gestanden, und vor den Zementmauern und Türmen der Arabischen Emirate liegt immerhin ein Haufen Sandsäcke. Sand scheint uns hier, augenreibend und staublungernd, kein besonderer Stoff. Ein Irrtum.

Denn vor tausendundeiner Nacht haben die Emirate eigens den Original-Wüstensand eingeflogen, um in den Höfen ihres Hannoverschen Wüstenschlosses einen arabischen Markt mit Kunsthandwerk, Kamelen und, wie uns das Journal "Expo 2000 Special" verrät, mit jagenden Falken, "tanzenden jungen Araberinnen" und einem Internetcafé vorzustellen. Plötzlich aber war der arabische Wüstensand weg. Gestohlen, entführt? Jetzt ist er wieder aufgetaucht, doch die Kamele sind gestrichen. Es geht, wo kurz vor der Eröffnung noch alles unfertig und improvisiert wirkt und selbst die Eingangshalle des Hauptbahnhofs von Hannover offenbar kürzlich erst als größeres Renovierungs- und Umbauprojekt in Angriff genommen wurde, dem äußeren Anschein nach sympathisch unperfekt zu. Mitten im reichen Deutschland wird dem Orient Sand geklaut, die Expo gleicht einem potemkinschen Weltdorf und noch keiner technologischen Disney-Maschine, ja, man hält die bhutanischen Mönche, die noch immer an ihrem mit Lotosblüten und Donnerdrachen geschmückten Tempel zimmern, in ihrer buddhistischen Heiterkeit schon fast für Seelenverwandte. Dabei geht es, ob Buddha oder Biotech, bei dieser Expo immer irgendwie um "Zukunftsstrategien". Nur einmal zucken wir in den orientalischen Sphären zusammen: "Europas größte Schau der Elitearaber" wird als Teil des offiziellen Nationenprogramms annonciert. Elitearaber? Computerspezialisten vom Golf? Es geht um 50.000 Dollar, lesen wir - für den schönsten Araberhengst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben