Kultur : Vor der Bundestagswahl: Ab durch die Mitte

Robert von Rimscha

Man könnte ein Ratespiel daraus machen. "Eine starke Mitte ist die einzige Garantie gegen Rückfälle in jedwede Ideologie." Von wem stammt das? Angela Merkel hat dies gerade geschrieben. Und wer sagt wohl: "Wer die Mitte durcheinander wirbelt, erlebt schlimmste Tragödien." Gerhard Schröder. Beide, SPD und Union, suchen die Mitte, in der die Wahlen im September gewonnen werden. Kein Wunder also, dass nahezu deckungsgleiche Sätze heraus kommen. Der Kanzler hat gerade bei einem Kongress seiner Partei die Mitte für sich reklamiert. Die CDU-Vorsitzende legte zwei Tage früher in einem Zeitungsbeitrag vor. Zentral sei die Idee, "Brücken zu schlagen: Brücken zwischen Arbeitnehmern und Unternehmern", schrieb Merkel. Schröder antwortete: "Das gesellschaftliche Bündnis, das die soziale Marktwirtschaft getragen hat - das Bündnis aus Arbeiterschaft und aufgeklärtem Bürgertum - hat in der Sozialdemokratie seine politische Heimat gefunden."

Noch ein Beispiel für die Annäherung der Großparteien: "Die Mitte kennt keine Interessen von Klassen und Schichten, sie kennt nur Bürger", sagt Merkel. Der Kanzler antwortet: "Unsere Politik ist nicht Ideologien oder Verbandsinteressen verpflichtet." Im Mittelpunkt stehe der Mensch. Auch dann, wenn die Definitionen auf das Format eines Slogans verkürzt werden, sind Unterschiede kaum erkennbar. Menschlichkeit und Modernisierung, Laptops und Lederhosen - das sagt die Union. Flexibilität und Schutz, Innovation und Gerechtigkeit - so heißt es bei Schröder. Die "und"-Formulierungen - ein Spagat. "Wurzeln und Bewegung" ist ein Begriffspaar, das Merkel gerade beigesteuert hat. Die Unterschiede beginnen dort, wo die Wurzeln im Boden stecken.

Leistung und Gemeinsinn

"Ich bin keiner von denen, die in die Mitte hinein geboren wurden", sagt Schröder. Seine Mitte sei nicht durch Herkunft definiert, sondern durch Leistung und Gemeinsinn. Das Begriffspaar wird zum Trio: Mitte - Bildung - Chancen. Der Kanzler, der sich im zweiten Bildungsweg aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet hat, beschreibt die Aufstiegs-Mitte: die Erfahrung der Dynamik, die Erinnerung an die eigene, überwundene Herkunft, das soziale Gewissen, das im Gepäck bleibt, die Verpflichtung zu Toleranz und Offenheit.

Wo für die Sozialdemokraten die nötige Stabilität aus dem erfahrenen Wandel erwächst, kommt für die Union die Möglichkeit zum Wandel aus der Erfahrung der Stabilität. Nur wer weiß, wo er herkommt, kann die Gesellschaft ändern und anderen offen gegenübertreten: Diesen Satz würden beide unterschreiben. Nur die Herkunft selbst, die wird unterschiedlich beschrieben. Für Schröder steckt viel mehr Wandel im Selbstbild; für die Union ist ein höheres Maß an Stabilität die Voraussetzung für nötige Flexibilität. Schröders Herkunft ist sozial und dynamisch definiert, die der Union stärker historisch-kontinuierlich.

Gesunder Menschenverstand

Das ist es, was Schröder meint, wenn er sagt: In der Mitte sei er nicht angekommen als Kopie dessen, was Väter und Großväter vorgaben, sondern nach einem "Aufbegehren gegen Autoritäten". Die Mitte kommt aus dem Weg, den die Protestgeneration zurückgelegt hat. Für die Union kommt der Weg der Modernisierung aus der Mitte, die noch immer stärker als gegeben gilt: Heimat, Glaube, Familie, Nation. Wo die Union ihre Reformbereitschaft aus der sicheren Verankerung in der Mitte ableitet, sieht Schröder Stabilität und Sicherheit als Ergebnis der Reformbereitschaft der Mitte.

Edmund Stoiber hat am Aschermittwoch in Passau seine Mitte umrissen. Er tat es am klarsten in dem, was er zur Familie sagte. Dreimal rief der CSU-Chef in den Saal: "Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden." Aber es gelte eben auch, so der Kanzlerkandidat: 80 Prozent aller Kinder wachsen bei ihren verheirateten Eltern auf. Es gebe keinen Grund, auf eine fast ein viertel Jahrhundert währende Ehe nicht stolz zu sein. Eine Mutter mit vier Kindern dürfe nicht als unmodern, als Anomalie betrachtet werden.

Stoibers Mitte ist der gesunde Menschenverstand. Seinen Wertungen, die "konservativ" nicht als rechtspopulistisch oder traditionalistisch begreifen, kann kaum jemand widersprechen. Wenn Stoiber sagt, "natürlich" habe seine Gattin ein anderes Frauenbild als seine Tochter, dann will er damit die Wandlungsbereitschaft der Mitte unterstreichen. In der Zuwanderungsdebatte verlangte Stoiber, wir könnten unseren Kindern in der Grundschule doch nicht die Integrations-Last und den Spracherwerb ihrer aus dem Ausland stammenden Mitschüler aufbürden. Wir müssten uns um "unsere" türkischen Mitbürger kümmern, die ohne Schulabschluss bleiben. Wir dürften unsere Gesellschaft nicht überfordern. "Augenmaß" ist der dazu gehörende Begriff bei Merkel. Der Kanzler nennt es gern "praktische Vernunft". Nachhaltigkeit und Offenheit sind bei Schröder die zentralen Forderungen, die sich aus seiner Definition der Mitte ergeben. Nachhaltigkeit: Das meint nicht nur die Umweltpolitik, sondern auch die Steuer- und Rentenreform. "Als Voraussetzung der Teilhabe der Menschen" müssten diese mehr Verantwortung bekommen, sagt Schröder. "Fördern und fordern - dieses Prinzip beschreibt treffend unsere Politik der modernen Mitte", meint der Kanzler und kopiert Clinton und Blair. "Bildung ist die neue soziale Frage des 21. Jahrhunderts", glaubt Schröder. Neugier und Ehrgeiz seien nötig; die Wissensgesellschaft sei keine Option, sondern, wie die Globalisierung, eine Realität. Da trifft er sich wieder mit der Union.

Mit großem Denk-Aufwand versuchen beide großen Parteien, für sich zu reklamieren, was sie für wahlentscheidend halten. Die Union weiß, wie sehr Schröder seine SPD in die Mitte gezwungen hat. So fordert sie nun beides: Mehr Stabilität, und aus dieser heraus mehr Bewegung. Oder: Mehr Mitte.

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