Kultur : Vor der Bundestagswahl: "Werte brauchen Substanz"

Bill Clinton hat 1992 den Wahlkampf der neuen Mitt

Jochen O. Keinath war Mitglied im Wahlkampfteam des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton.

Bill Clinton hat 1992 den Wahlkampf der neuen Mitte erfunden. Was ist der Unterschied zum herkömmlichen Wahlkampf?

Neue Mitte bezeichnet einen Wertewahlkampf. Man versucht, mit politischen Symbolbegriffen wie Familie, Bildung oder Heimat über die traditionellen sozialen Grenzen des eigenen Wählermilieus hinaus neue Wähler zu gewinnen. Die Milieus lösen sich auf und darauf muss die politische Kommunikation in einem Wahlkampf reagieren.

War die SPD-Kampagne 1998 eine Wahlkampf der neuen Mitte?

Rückschauend muss ich sagen, dass die SPD 1998 nicht wirklich einen Wertewahlkampf geführt hat. Das war primär ein subtiler, freundlicher Anti-Kohl-Wahlkampf. Die SPD hat zwar 1998 der Form nach einen Wahlkampf der neuen Mitte geführt. Aber sie hat versäumt, die Werte mit Inhalt zu füllen und sie als Regierungspartei umzusetzen.

Was meinen Sie damit?

Es wäre ein Leichtes für die SPD gewesen, zu signalisieren, wir sind die Heimat für Familien in Deutschland. Dadurch hätte sie der Union zwei Kernbegriffe wegnehmen können - Familie und Heimat. Sie hat es nicht gemacht und versucht das jetzt ein halbes Jahr vor dem Wahltag nachzuholen.

Ist das erfolgsversprechend?

Es könnte Erfolg haben, obwohl die Zeit knapp wird. Rot-Grün hätte sehr viel strategischer und mit viel größerer Linie die neuen Werte kommunizieren müssen. Vor allem die SPD hätte Bilder und Symbole für Werte wie Familie und Bildung prägen müssen. Das ist unterblieben.

Die geschieht erst dann wieder, wenn die Wahlkampfmanager vor der Tür stehen und fragen, was machen wir nun?

Exakt. Die erste Lektion des amerikanischen Wahlkampfs hat man gelernt, den zweiten Schritt jedoch nicht gemacht.

Was ist der zweite Schritt?

Werte durchgängig zu kommunizieren und die inhaltliche Politik immer wieder darauf zu beziehen. Alles andere ist ein Missverständnis von Amerikanisierung des Wahlkampfs. Amerikanisierung heißt nicht nur, dass Luftballons vom Himmel fliegen. Amerikanisierung bedeutet auch eine Betonung von Inhalt. Um in der politischen Kommunikation immer wieder auf Werte zurückkommen zu können, brauchen sie Substanz. Die SPD hätte also dem berühmten "Gedöns"-Familienministerium von vorneherein einen anderen Stellenwert geben müssen.

Was bedeutet das im kommenden Wahlkampf für das Thema Arbeitlosigkeit?

Schröder muss sagen, wir wollen Arbeitslosigkeit reduzieren, weil sie Familien zerstört und damit die Wurzeln unserer Gesellschaft. Es geht nicht um 3,5 oder 4,2 Millionen. Es geht um die Familien hinter den Zahlen. Schröder muss versuchen, von den Zahlen wegzukommen. Er könnte sagen: "Ich brauche eine zweite Chance. Ich habe mit 3,5 Millionen nicht die Ziffer gemeint, ich habe den Wert gemeint, die Familien hinter den Arbeitslosen." Und so könnte er die 3,5 Millionen, die noch als Damoklesschwert über ihm hängen, umformen in eine Plattform für eine Wertediskussion. Doch das sehe ich bislang bei der SPD nicht.

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