Vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse : Wir sind doch alle kreativ!

Am Dienstag eröffnet die Frankfurter Buchmesse. Notizen und Beobachtungen vor dem wichtigsten Ereignis der deutschen Buchbranche.

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Die Frankfurter Buchmesse eröffnet.
Die Frankfurter Buchmesse eröffnet.Foto: dpa

Ob die fetten Jahre jetzt auch für die Frankfurter Buchmesse vorbei sind? Das Jammern und Stöhnen der Branche gehört zum akustischen Grundrauschen der Messe, von wegen Umsatzrückgänge, Digitalisierung, Amazon etc. Die Messe selbst schien bislang jedoch von Krisen jedweder Art ausgenommen zu sein. Vor kurzem aber verkündete Buchmessendirektor Jürgen Boos, dass man wie im vergangenen Jahr erneut weniger Aussteller erwarte, nur noch 7000 im Vergleich zu 7275 im Jahr 2013 (im Jahr davor waren es über 7300).

Boos hat damit dennoch kein größeres Problem. Den Grund für den Rückgang sieht er in der weltweiten Verlagskonzentration t und einer damit angeblich verbundenen „Konsolidierung“ der Branche. Zumal die Anzahl der Lesungen und anderer Events steigt, von knapp 4000 ist da die Rede, selbst einen „Kids Friday“ hat die Messe auf ihrer Agora eingerichtet. Frankfurt goes Leipzig, könnte man sagen, Kundenfreundlichkeit galore! Aber auch Business- und Innovationslokomotive will die Frankfurter Messe weiter sein. Da schwärmt Boos unverhohlen vom diesjährigen „Innovationspartner“ Samsung, dem südkoreanischen Elektronikkonzern. Samsung sei „offen für neue Formen des Geschichtenerzählens“ und entwickle „die Leseerfahrung von Millionen von Nutzern weiter“.

Bei so viel neuen Formen und Zukunftsgeschnatter ist man froh, bei der Messe, die an diesem Dienstagnachmittag traditionell mit einem Festakt eröffnet und bis Sonntag dauert, neben den vielen Finnen (Finnland ist Gastland) auch ein paar gute alte Gesichter zu sehen. Das des unermüdlichen Martin Walser etwa. Walser liest aus seinem dritten Band „Schreiben und Leben“, aus den Tagebüchern 1979 –1981. Von Buchmessenauftritten findet sich darin leider nichts. Aber vieles andere, unbedingt Zitierenswertes: „Geld ist das Beste gegen den Tod“, schreibt Walser im Oktober 1979, da scheint er in einem Hospiz in Mannheim gelesen zu haben. „Das Geldverdienen ist etwas Unendliches und etwas Sinnloses. Aber diese unendliche Sinnlosigkeit des Geldverdienens lenkt am meisten von der unendlichen Sinnlosigkeit des Sterbenmüssens ab.“

Ebenfalls seit Jahren Stammgast: Altkanzler Helmut Kohl, der zu einem Foto- Termin an den Stand des Droemer Verlags kommt. Zum 25-Jahre-Mauerfall-Jubiläum erscheinen seine Erinnerungen an die Jahre 1989/90 in einer Neuausgabe. Nicht so häufig zeigt sich Paulo Coelho. Dafür ist er zu sehr Weltstar. Coelho bewirbt trotzdem seinen neuen Roman „Untreue“ – und führt auch einen sogenannten Wortwechsel mit Jürgen Boos über die „Zukunft des Lesens“. Das verblüfft zunächst: Coelho und die Zukunft des Lesens? Gott bewahre! Tatsächlich aber hatte sich der Brasilianer schon 2008 in Frankfurt Gedanken über die Digitalisierung gemacht, auf Coelho-Art, klar: „Das Internet hat mich gelehrt, keine Angst davor zu haben, Ideen auszutauschen und andere dazu zu motivieren, ihre Ideen kundzutun. Es hat mich auch gelehrt, niemals eine vorgefasste Meinung darüber zu haben, wer kreativ ist und wer nicht – denn wir alle sind kreativ.“

So was hört man auf einer Buchmesse gern, kreativ ist ein Friedrich Lichtenstein genauso wie ein Ken Follett, die beide auf dem blauen Sofa sitzen werden. Oder Amelie Fried, die dort ihren Roman „Traumfrau mit Lackschäden“ vorstellt. Oder die ZDF-Heute-Journal -Co-Moderatorin Gundula Gause, die was zum Thema „Ich bin evangelisch“ sagt. Oder Judith Hermann, die trotz des „FAZ“-Diktums, nicht schreiben zu können, auf diversen Messebühnen Rede und Antwort steht.

Auch ein Messeritual: der lautstarke Jubel am Messe-Donnerstag, 13 Uhr, der an irgendeinem Verlagsstand erklingt. Da wird nämlich in Stockholm verkündet, wer dieses Jahr den Literaturnobelpreis bekommt. Ob man beim Piper Verlag jubelt? Oder bei Hanser-Fischer-Suhrkamp? War Piper im Übrigen letztes Jahr der schnellste Verlag beim Verschicken seiner Frühjahrsvorschau, so hat dieses Rennen 2014 Suhrkamp gewonnen. Also: Am 5. Juni 2015 erscheint zum Beispiel Ralf Rothmanns neuer Roman „Im Frühling sterben“. Gut zu wissen, oder? Denn merke: Die nächste Buchmesse ist immer die schwerste.

Weitere Berichte zur Frankfurter Buchmesse unter www.tagesspiegel.de/themen/frankfurter-buchmesse

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