Kultur : Vor der Kunst muss man niederknien

Christoph Vitali[Leiter des Hauses der Kunst],61[Leiter des Hauses der Kunst]

Christoph Vitali, 61, Leiter des Hauses der Kunst, zuvor der Frankfurter Schirn. Theater am Turm, das Künstlerhaus Mousonturm und die Schirn-Kunsthalle geleitet. Als "knallharter Manager" gilt er den einen, andere bescheinigen ihm bewundernd, er "erotisiere das Publikum" mit langen Nächten im Museum und vielumjubelten Ausstellungen wie der Barnes Collection, "Elan Vital", "Die Nacht" und "Beauty Now". Trotz jahrelanger Besucherrekorde will Kunst- und Wissenschaftsminister Hans Zehetmair, der Vitali einst als "Glücksfall für München" gepriesen hatte, ihn jetzt loswerden.

Trotz Ihrer Quotenstar-Karriere als Direktor des Münchner Hauses der Kunst verlängert Kunst- und Wissenschaftsminister Hans Zehetmair Ihren Vertrag nicht um weitere fünf Jahre. Wie ist Ihre Position dazu?

Relativ einfach. Am 21. März 2003 werde ich das Haus verlassen und eine neue Stelle antreten. Welche, ist noch nicht spruchreif. Ab sofort bin ich hier nur noch ein interessierter Beobachter.

Es gibt zwei Abschiebe-Erklärungen des Ministers: Ihre "Organisations- und Teamfähigkeit" habe "den Zenit überschritten", und Sie seien mit bald 63 Jahren nicht mehr fit genug, um "in den Vollbetrieb eingespannt" zu sein. Doch sind die wahren Gründe nicht betriebswirtschaftlicher Art?

Fakt sind ein Defizit von 600 000 Euro im Jahr 2000 und der im Dezember 2002 voraussichtlich endende Vertrag des Sponsors Schörghuber-Stiftung.

Wirkt es nicht so, als ob die Fortsetzung des Vertrags an Ihr Bleiben oder Nicht-Bleiben gebunden ist?

Ich glaube nicht, dass hier ein Zusammenhang existiert. Okay, die Schörghuber-Stiftung zahlt jährlich 511 000 Euro, Hauptpartner ist aber der Freistaat, der 2 045 000 Euro beisteuert, und 358 000 Euro bringt die "Gesellschaft der Freunde" auf. Die Hälfte unseres sechs Millionen Euro umfassenden Etats erwirtschaften wir selbst. Er ist sehr niedrig, etwa im Vergleich zur Bonner Ausstellungshalle, die über 15 Millionen Euro verfügt. Was meine angeblich angeschlagene Gesundheit betrifft: In den neun Jahren, in denen ich hier bin, habe ich keinen halben Tag gefehlt!

Wie war Ihr Verhältnis zur Stiftung?

Es veränderte sich, als der Firmengründer starb. Ich habe ihn bewundert, weil er aus dem Nichts ein Milliardenunternehmen aufgebaut hat. Er war ein Überzeugungstäter, auch als Mäzen und Sammler. Im Gegensatz zu seinem Sohn nahm er starken Anteil am Haus der Kunst.

Gab es auch Druck von der "Gesellschaft der Freunde"?

Ihr Präsident und ein weiteres Mitglied des Vorstands haben der Nichtverlängerung meines Vertrages zugestimmt. Das durften sie wohl juristisch auch. Meiner Meinung nach hätten sie dennoch vorher unbedingt die Mitglieder fragen müssen. Bei denen herrscht jetzt blankes Entsetzen. Sie waren immer mein liebster Partner. Aus 180 Mitgliedern sind 700 geworden, was auch die Beiträge stark gesteigert hat.

Erweist sich das Modell der Mischfinanzierung aus öffentlichen und privaten Geldern als zunehmend problematisch? Weil es Abhängigkeiten schafft?

Ich habe den Eindruck, dass Privatsponsoren zunehmend eigene Interessen verfolgen. Das halte ich für nicht positiv. Ich bin ein überzeugter Vertreter der ausschließlich öffentlichen Finanzierung von Museen. Kultur ist so zentral im Leben der Menschen, dass sie als Aufgabe auch zentral von der öffentlichen Hand wahrgenommen werden muss. Im Fall des Hauses der Kunst gab es Probleme, weil zu den Freunden als zweiter Sponsor noch ein Unternehmen hinzukam. Konkret zeigt sich jetzt, dass die Vertragsdauer von 10 Jahren zu kurz war. Alle Erfahrungen bestätigen: Firmengeld einzuwerben, erweist sich nur auf einer sehr langfristigen Basis als konstruktiv für die Arbeit öffentlicher Häuser.

Im Haus der Kunst gibt es seit Oktober 2001 mit der 31-jährigen Susanne Frye eine neue kaufmännische Direktorin, die gleiches Stimmrecht hat wie Sie als damit nur noch künstlerischer Direktor. Muss diese, von der Schörghuber-Stiftung forcierte Neuerung nicht als Vorwurf mangelnder Managementkompetenz interpretiert werden?

Ja - und ich bin damit nicht einverstanden. Beide Aufgaben sollten unbedingt in einer Hand bleiben. Es muss gelingen, einen Menschen zu finden, der ein Haus inhaltlich führen und ausreichende Geldmittel akquirieren kann. In meinem Fall hat das funktioniert - bis auf das Jahr 2000.

Ist die Lage des Hauses der Kunst symptomatisch für eine strukturelle Krise?

Der Staat zieht sich zunehmend aus der Finanzierungsverantwortung zurück, private Sponsoren üben wachsenden Druck aus und auch die Kalkulation mit Eintrittsgeldern und Katalogverkäufen ist nicht mehr verlässlich. Kunst darf man eben nicht als Event behandeln. Davor habe ich immer wieder gewarnt. Man kann durchaus Nebenaktionen veranstalten, die Event-Charakter haben, wie meine "langen Nächte". Aber grundsätzlich muss man Ausstellungen ohne ablenkende Showeinlagen besuchen können.

Hat das Guggenheim-Prinzip ausgedient?

Wenn ich jüngeren Kuratoren einen Rat geben kann, dann diesen: Verbindet das Infotainment-Modell mit dem scheinbar altmodischen, unglamourösen des Gelehrten. Dafür ist kein Spagat notwendig. Wir hatten zwölf Ausstellungen im Jahr, von denen die Hälfte schwierig zu vermitteln war, der Rest aber publikumsfreundlich. Es ist ja nicht so, dass populäre Kunst schlechter ist - ich denke an Monet oder den frühen Chagall.

Muss man deshalb ein großer Manager sein?

Nein, sondern die Kunst lieben und sich davor hüten, dem Kommerzdenken allzu sehr zu verfallen. Ich finde es zum Beispiel sehr bedenklich, dass für den riesigen Martin-Gropius-Bau in Berlin im Augenblick kein Geld vorhanden ist. Private Sponsoren sind keine Lösung.

Und der Quotenzwang?

Der ist schrecklich. Man muss sich gegen ihn mit allen Mitteln wehren. Kuratoren und Ausstellungsmacher sollten sich eine große Lobby aus Freunden und Förderern erziehen, die mithilft, den Quotenzwang zu verhindern.

Ist das Ausstellungsmachen in den letzten Jahren mühsamer geworden?

Deutlich. Das hat paradoxerweise mit der enorm gestiegenen Wertschätzung von Kunst zu tun. Die Kosten sowohl für Versicherungen als auch für Transporte sind sehr viel höher. Ausstellungen werden künftig immer mehr Koproduktionen sein und sich auf große Metropolen konzentrieren.

Sie haben auch Theater und ein kommunales Kino geleitet, beim Ausstellungsmachen sind Sie geblieben. Warum?

Kunst ist für die Menschen am entscheidendsten. Beim Theater weiß man nicht, wie sich der Autor selbst sein Stück vorgestellt hat - vor einem Bild sehr wohl. Jede gelungene Ausstellung erfüllt mich mit einem tiefen Glücksgefühl.

Haben Sie je bedauert, dass Sie nie eine Sammlung aufbauen konnten?

Ich hatte lange den Wunsch, eine Sammmlung zu verwalten und zu vergrößern. Aber dafür bevorzugt man Fachleute. Ich bin Jurist.

Sammeln Sie zum Ausgleich privat?

Kaum. Es gibt ein paar Zeichnungen von Chillida, Tinguely und anderen, die mir die Künstler geschenkt haben. Aber ich habe eine Verehrungshaltung der Kunst gegenüber, die es mir nicht erlaubt, die Dinge hautnah um mich zu haben. Ich finde, man muss niederknien vor der Kunst.

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