Kultur : Vor die Gulaschkanone gespannt

Die letzte echte Revolution der Menschheit: Mit dem Ungarn-Aufstand am 23. Oktober 1956 ging der Glaube unter, dass das Volk zählt

István Vörös

Die fünfziger Jahre waren für Ungarn eine erfolgreiche Zeit. Das Land präsentierte der Welt seine „goldene Fußballmannschaft“, und es bescherte ihr die größte antisowjetische Revolution von ganz Osteuropa. Dabei war es zu der Zeit nicht leicht, in Ungarn zu leben: Einem Witz zufolge, den man sich in Pest erzählte, blieben die Leute, die nicht emigrierten, aus reiner Abenteuerlust zu Hause. Was Ende Oktober 1956 geschah, gehört zu den Höhepunkten der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Ein Höhepunkt, weil sich das nüchterne Denken der kleinen Leute und das ironische Denken der kritischen Intelligenz verbündeten und gegen die dunklen Kräfte der Geschichte durchsetzten.

Ich konnte 1956, acht Jahre vor meiner Geburt, nicht ahnen, als Ungar zur Welt zu kommen. Und meine Eltern auch nicht. Sie waren Oberschüler in einem Stuhlweißenburger Schülerwohnheim. Mein Großvater half in seinem Dorf, den Stern vom sowjetischen Ehrenmal zu entfernen, weshalb er zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Als ich, halbwüchsig, in dem Film „Tagebuch für meine Kinder“ von Mártan Mészáros den ahnungslosen, aber neunmalklugen Sohn des berüchtigten Ernö Gerö, des Generalsekretärs der Ungarischen Arbeiterpartei, spielen durfte, wollte Großvater mich deshalb rausschmeißen. Später schrieb ich als Dramatiker für einen Film über 1956 von György Szomjas die Dialoge und fand mich dadurch mitten zwischen den einfachen Bürgern der Revolution wieder.

Die persönlichen Erinnerungen haben sich abgenutzt. Mein verhafteter Großvater lebt seit fünfzehn Jahren nicht mehr, meine Eltern erlebten den Aufstand aus der Sicht von Kindern, und in meiner eigenen Kindheit bestand das Ereignis nur aus einem einzigen Wort, das ich nicht verstand: Konterrevolution. Eine Revolution möchte das Bestehende verändern. Also hat eine Gegenrevolution zum Ziel, dass sich nichts verändert; so lautete meine kindliche Analyse. Sie muss so etwas gewesen sein wie eine Gegenströmung, dachte ich. Darum war ich überrascht, als unser Musiklehrer am Gymnasium uns am 25. Jahrestag mitteilte, 1956 habe es keine Konterrevolution, sondern eine richtige Revolution gegeben. Das kam mir logisch vor, aber warum flüsterte er?

Die Sache blieb ein dunkler Fleck in unserer Geschichte, doch man war daran gewöhnt, Lügen und Halbwahrheiten als eine eigene Form der Wahrheit hinzunehmen. In meiner Jugend, den frühen achtziger Jahren, spielten die Erwachsenen immer wieder auf etwas Geheimnisvolles an, etwas, das geschehen war, worüber man aber nicht sprach, obwohl es besprochen werden müsste. Sogar die Kulturfunktionäre und auch der gefürchtete Sicherheitschef taten das im Fernsehen. Seinerzeit herrschte zum Thema Revolution Einvernehmen im ganzen Volk. Das Volk ging – die Todesopfer, die Eingekerkerten und Emigranten ausgenommen – einen hübschen Handel mit den Mördern, den Kerkermeistern und den Landesvertreibern ein, und die ließen in der fröhlichsten Baracke Osteuropas nur den zu, der sich mit seinem Schweigen mitschuldig machte.

Als ich geboren wurde, tauchte schon in der Entbindungsstation ein Geheimpolizist auf, der mir den Eid abnahm, niemals nach den Morden von 1956 zu fragen. Sprechen konnte ich noch nicht, also konnte ich nicht schwören. Auch Großvater, der in der Haft mehrmals verprügelt wurde, musste schwören, er werde darüber nicht reden. Er schwor zwar nicht, aber er sprach auch nicht darüber. Wir lebten gut, doch das verdankten wir dem Pakt mit dem Teufel. Man gab uns billiges Brot und billige Milch, und erwartete dafür, dass wir schweigen und jeder wenigstens einmal das Wort Konterrevolution aussprechen würden. Wir zwinkerten uns also kollektiv zu, und dabei erlosch in den Herzen die lebendige Erinnerung an die Revolution. Lebendig blieb lediglich das Gedenken an den Freiheitskämpfer Lajos Kossuth, der 1849 die Unabhängigkeit Ungarns ausgerufen hatte, auch das ein gescheiterter Versuch des Landes, zu sich selbst zu finden.

Vielleicht kam János Kádárs Machtübernahme zu früh. Vielleicht ging mit der geistigen Vorbereitung der Revolution aber auch alles zu schnell. Es hat zwei Wochen gegeben, in denen die Menschen ein bisschen Ungarn, ein bisschen frei, ein bisschen Revolutionäre waren, dann wurde dies alles gründlich vergessen. Die Mutigeren machten Anspielungen, alle gaben sich Mühe und hatten ein gutes Leben, sie schluckten den Gulasch des Kommunismus hinunter, als wäre er Zungenfleisch. Es war so leicht, das, was 1956 geschehen war, zu leugnen oder zur Bagatelle zu erklären. Mein Großvater sagte, er habe bei der Abnahme des Sowjetsterns nur geholfen, weil er sah, dass die anderen damit nicht zurechtkamen, er habe nicht geahnt, in was er sich da einließ. Sonntags schwebte über dem Essen nicht nur Suppendunst, auch eine kleine Lügenwolke.

Wir müssen neu erforschen, was damals geschah. Die Augenzeugen erzählen meist nur noch Dummheiten, oder sie sind so klug, dass man ihnen kein Wort glauben kann. Die Überlieferungen sterben nicht mit dem Tod der Augenzeugen. Sie starben bereits, als sie leugneten, was sie gesehen hatten.Vielleicht vollzog sich 1956 die letzte echte Revolution der Menschheit. Denn die Zeit der Revolutionen ist vorbei, Veränderungen, auch die radikalen, werden künftig andere Formen annehmen. Es wird wohl zum bewaffneten Volksaufstand nicht mehr kommen. Heute glaube ich, dass es doch eine kalte Konterrevolution gegeben hat.

Vielleicht begann das von Francis Fukuyama beschworene „Ende der Geschichte“ bereits im November 1956, mit der Niederschlagung der Revolution – als sich zeigte, dass der Wille eines ganzen Volkes nichts mehr zählt. Den Zugang zu dieser tragisch-schönen Episode müsste das heutige Ungarn wiederfinden. Und finden sollte ihn auch Europa. Ich weiß, die westeuropäischen Staaten konnten nicht helfen, aber indem sie nicht halfen, beendeten sie für sich selber die Geschichte. Die Sechsundfünfziger waren einmal jung und kühn, aber von ihnen lernen kann man nicht mehr. Wir müssen herausfinden, wie das, was mit uns geschieht, wahre Geschichte wird.

István Vörös, 1964 in Budapest geboren, ist Lyriker, Essayist und Kinderbuchautor. Zurzeit lebt er als DAAD-Stipendiat in Berlin. Auf deutsch erschien bei der Wiener Edition Korrespondenzen der Gedichtband „Die leere Grapefruit“. – Aus dem Ungarischen übersetzt von Hans Skirecki.

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