Kultur : Vor Gebrauch schützen Helmrinderknecht empfiehlt Designer als Gesellschaftskritiker

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Designkritiker Stephen Bayley war sich sicher: „Industriedesign ist die wirkliche Bildende Kunst des 20. Jahrhunderts.“ Design hat in den letzten Jahren eine enorme Aufwertung erfahren. Auktionshäuser schufen einen Markt für exklusive Designobjekte wie Marc Newsons ikonische „Lockheed Lounge“ mit Preisen über 100 000 US-Dollar. Designer können heute kostengünstig experimentieren und stellen limitierte Objekte wie Kunstwerke in Galerien aus.

Löst sich die historische Grenze zwischen Kunst und Design auf? Auch die Kunstkritik denkt gerne darüber anch mit, beschränkt sich dabei aber meist auf Künstler wie Donald Judd, Jorge Pardo oder Tobias Rehberger. Zu jenen, die von der anderen Seite kommen wie Hella Jongerius oder Ron Arad, der schon 1987 auf der Documenta ausstellte, hält man noch immer Sicherheitsabstand.

Eine Ausstellung bei Helmrinderknecht lädt nun zum Nachdenken ein. Die „Freak Show“ präsentiert „einige der intelligentesten Kreativen in Europa, die an den Grenzen von Industriedesign arbeiten“, verspricht Kuratorin Sophie Lovell. Auf einem Floß aus taubengrauen Latten steht sie dicht gedrängt, diese Gang von Aussteigern, die sich vom Diktat der Schönheit und Nützlichkeit losgesagt hat: ein schlichter Stuhl aus Leisten und Wachs von Jerszy Seymour, das als Modell für kollektive Produktion steht (450 Euro). Oder eine im Auftrag von Mathieu Lehanneur gefertigte Keramikvase, deren Form die Altersstruktur der Berliner Bevölkerung veranschaulicht (6000 Euro). Kunst? Oder Kuckuckseier, die sich zu wert- und bedeutungsvollen Fetischen ausbrüten lassen? Will man die Felder Design und Kunst unterscheiden, landet man letztlich immer bei zwei Fragen. Die erste ist die nach Präsentation und Vertrieb. Wenn Design limitiert zur Reflektion ausgestellt wird, beginnt die Unterscheidung zu schwinden.

Die zweite Frage berührt die Produktion. Design folgt gewöhnlich äußeren Kriterien; Kunst stellt ihre eigenen auf (und aus). Auf eine einfache Formel verkürzt: Künstler arbeiten nach immanenten Bedürfnissen, Designer nach denen anderer. Doch welchem Bedürfnis sollten die mit Polyurethan-Schaum aufeinandergeklebten Plastikstühle von Kueng Caputo genügen (2400 Euro)? Hier werden die klassischen Erwartungen an Möbeldesign infrage gestellt. „Design geht immer von der falschen Annahme eines rationalen Nutzers aus“, sagt Anthony Dunne vom Royal College of Arts. „Unsere Objekte nehmen die Unsicherheiten und Ängste ernst.“ Wie Dunne-Rabys pilzförmige „Atomic Mushrooms“ für Menschen mit Atombombenphobie.

Andere Objekte reflektieren die soziale Umwelt. El Ultimo Grito zeigen einen ultraleichten Tisch aus Karton mit Harzbeschichtung, dessen Muster die bunten Kleider aus dem Londoner Einwandererviertel Peckham aufgreifen. Er eignet sich auch als Schutzschild. Vom hinteren Ende lockt das schillernd grüne Unterwasserlicht der „Urchins“ von Stuart Heygarth (Haunch of Venison). Die Lampenschirme bestehen aus den Bügeln hunderter Brillen und lösen Faszination wie Beklemmung aus (28 000 Euro).

In den Augen Sophie Lovells beginnt Design die kritische Rolle einzunehmen, die traditionell Sache der Kunst war. „Die Nähe zu Handwerk, Materialien und Menschen macht Design zum Medium, um uns und die Gesellschaft zu hinterfragen.“ Neue Technologien eröffnen neue Möglichkeiten zur Gestaltung menschlicher Lebensräume und auch der Körper selbst. „Viele haben Angst, dass Roboter die Kontrolle übernehmen“, sagt etwa James Auger. „Niemand fragt, woher sie die Energie nehmen sollen.“ Er hat mit Jimmy Loizeau eine Lampe designt, die ihr Licht aus den Fliegen speist, die sie anlockt.

Warum sollten Gebrauchsgegenstände nicht zugleich symbolische Objekte sein? Das waren Konsumgegenstände ja immer. Und es bedürfte gerade einer unkorrumpierten Kunstkritik, symbolische und soziologische Implikationen offenzulegen. Sie kann dabei nur gewinnen. Etwa wenn sie zeigt, dass die Teekanne, die Mannink & Bey von einem chinesischen Meister aus einem Marmorblock schnitzen ließen, ein höchstens gewollt interessanter Kommentar zu globalisierten Produktionsverhältnissen ist. Konzeptkünstler wie Simon Starling und Santiago Sierra vermögen da mehr.

Auger-Loizeau wollen übrigens nicht Künstler genannt werden, genauso wenig wie Dunne-Raby. „Wenn du sagst, es ist Kunst“, erklärt Dunne, „fragen die Leute nicht weiter. Wenn du sagst, es ist Design, sagen sie, Moment, das ist kein Design!, und beginnen nachzudenken.“

Galerie Helmrinderknecht, Linienstr. 87; bis 15. 1., Di–Sa 12–18 Uhr. Katalogpräsentation: 4. 12., 18–20 Uhr.

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