Kultur : Vor Gericht

Slings Prozessberichte sind Klassiker des Genres.

von

Vom Studienreferendar und angehenden Gymnasiallehrer zum Zeitungsredakteur und Klavierspieler in Kneipen: die Biografie eines Sozialabsteigers. Nun sitzt dieser Dr. Bruno Schreiber als Angeklagter vor dem Berliner Schwurgericht. Er hat seine Frau erschlagen, sie zunächst mit Blumen geschmückt im Bett liegen lassen und dann auf dem Dachboden unter einem Berg von Zeitungspapier begraben. Die Druckerschwärze absorbierte den Verwesungsgeruch, die Leiche mumifizierte und wurde erst nach Monaten gefunden. Zeugen beschreiben die Gattin als zanksüchtig, sie soll mit einem Revolver auf ihn losgegangen sein. Schreiber besaß Ehrgeiz, kam aber nie über Tegel hinaus. Er habe ein „gutes Leben“ geführt, beteuert er, sei mit der Frau ins Kino und Theater, zum Boxen und auf Regatten gegangen. Der Angeklagte wird zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Prozessbericht endet mit einem vernichtenden Satz: „Fast unvermittelt ragt in das behagliche Schlemmerleben des kleinen Mannes die furchtbare Tat: die einzige seines Lebens.“

Das Wesen eines Menschen in wenigen Strichen zu umreißen, ein Verbrechen abzuleiten aus den Eigentümlichkeiten eines Charakters – das gehörte zu den Talenten von Paul Felix Schlesinger, der sich als Gerichtsreporter „Sling“ nannte. Seine Prozessberichte, die er in den Zwanzigerjahren für die „Vossische Zeitung“ schrieb, sind bis heute berühmt. Schon kurz nachdem er 1928 mit 50 Jahren gestorben war, erschien eine erste Auswahl seiner Texte. Dass nun eine Sammlung herauskommt, die alle bisherigen Ausgaben an Umfang übertrifft, ist ein Glücksfall. Weil hier eine ganze Epoche wiederaufersteht. Und weil Sling ein Gespür für die „Theaterei“ vor Gericht besaß und sein mal salopper, mal märchenhafter Ton nichts von seiner Frische verloren hat.

Goldene Zwanzigerjahre? Von wegen. Es ist eine Zeit voller Entbehrungen, die die Menschen hart und aggressiv macht. Kaufleute werden zu Betrügern, der von den Behörden drangsalierte Kleinunternehmer Hackbusch tötet seinen Sohn im Finanzamt Neukölln mit einem Kopfschuss. Slings Empathie gilt Opfern wie Tätern, er ist überzeugt: „Der Mensch, der schießt, ist ebenso unschuldig wie der Kessel, der explodiert.“ Sling schreibt an gegen die Todesstrafe, die auch Unschuldige trifft, gegen den Chauvinismus der Staatsanwälte und ihr „schweres Geschütz nationaler Entrüstung“. Großartig die Architekturkritik des Moabiter Gerichts, wo die Menschlichkeit versteinert sei „wie die blöden allegorischen Gestalten im Treppenhaus“. Sling warnt vor der Gefräßigkeit der Justiz: „Wird im Saal mal eine sofortige Verhaftung verfügt: eine Tür öffnet sich, eine Gestalt ist verschluckt.“ Christian Schröder

Sling (Paul Schlesinger): Der Mensch,

der schießt. Berichte aus dem Gerichtssaal. Nachwort von Hans Holzhaider, hg. von Axel von Ernst. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2013, 400 S., 24, 90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben