Kultur : "Vor langer Zeit im Mai" - Koffer sucht Fahrrad

Rüdiger Schaper

Die Frequenz liegt unter sechzig Sekunden. "Einundachtzig kurze Bilder für die Bühne" ziehen am Auge vorbei. Da schaut man, schon aus sportlichen Gründen, immer mal wieder auf die Uhr. Einundachtzig Bilder, Schnappschüsse, Dialogteilchen entstehen, vergehen in kaum mehr als einer Stunde. Nichts ist von Dauer. Nichts verlangt "Verweile doch, du bist so schön". Und doch breitet sich keine Hektik aus, stellt sich nicht das Gefühl heillosen Herumzappens ein, im Gegenteil. Der in der Tat sehr kurze Abend wirkt beschaulich - und beruhigend.

Die Etüden des Minimalisten Roland Schimmelpfennig, der auch als Dramaturg an der neuen Schaubühne arbeitet, kreisen um das Paradoxon der Zeit. Lang ist kurz, und kurz ist lang. Bettina Meyers Bühnenbild folgt diesem Prinzip der Umkehrung. Im großen, hohen Raum der Apsis spielen, spulen sich winzige Alltagsdramen ab. Es gibt ein Oben und ein Unten. So kann man sich orientieren. Oben sitzt ein Paar auf Klappsesseln, ein verflossenes Liebespaar, eine Sie und ein Er, ohne Namen. Sie haben sich getrennt, vor längerer Zeit, sie haben sich aus den Augen verloren. Nun spüren sie wieder die erschlafften Anziehungskräfte - für einen Moment. Für einen ausgedehnten Moment der Erinnerung. Ein letzter Flirt? Sie üben sich in uneigentlicher Rede. Er fragt nach ihrem Koffer, sie erkundigt sich nach seinem alten Fahrrad. Einmal ziehen sie sich noch aus, sie wollen es noch einmal wissen und schrecken vor der Berührung zurück.

Junge Menschen, alte Liebe. Roland Schimmelpfennigs Ersatz-Dialoge, Dialog-Substrate, atmen den Charme eines Eric-Rohmer-Films. Stephanie Eidt und Kay Bartholomäus Schultze demonstrieren das Verräterische der Körpersprache. Zwei sympathische, leicht abwesende, gar nicht kaputte, adrette, nette Endzwanziger. Man wünscht ihnen das Beste. Aber sie kommen nicht mehr zusammen. Man erlebt das Ritual des nachgeholten Abschieds. Wie oft sie das wohl schon durchexerziert haben, dort oben, wo sie ungestört sind?

Unten, in einer streng getrennten Welt, scheinen sich die Gedanken und die Worte des Paares zu materialisieren. Da knutschen die Passanten in stets wechselnder Besetzung und gehen ab, Arm in Arm. Da beginnt von vorn, was oben wohl zu Ende ist. Türen fliegen auf. Frauen schlagen mit ihren Koffern lang hin. Fahrradfahrer drehen halsbrecherisch ihre Runden. Das Fahrrad, der Koffer - hier sind sie gelandet.Ballerinen trippeln über den mit Sägespänen besäten Boden, den ein verträumtes Mädchen mit einem Besen glattstreicht. Ein herzzerreißend trauriges Liebeslied singt sie bei ihrer Sisyphus-Arbeit, mit jenem Vers, der Schimmelpfennigs Stück den Titel leiht: "Vor langer Zeit im Mai".

Die Fahrradtour, das Koffertragen, das Küssen und das Partner Wechseln wiederholt sich gleichsam in einem perpetuum mobile. Regisseurin Barbara Frey - nach "Ubu" ist dies schon ihre zweite Arbeit an der jungen Schaubühne - lässt sich von bekannten Theater-Motiven inspirieren. Frauen in Unterwäsche, Männer mit verwirrtem Blick, wundersame Koffer- und Fahrrad-Vermehrung. Alles bleibt immer schön vorhersehbar. Licht aus, Licht an. Licht oben, Licht unten. Daher vergeht die Zeit so langsam. Und die da oben sehen nicht, was die da unten treiben.

Die Liebe ist ein seltsames Kinderspiel, das nach festen Regeln abzulaufen hat, die freilich keiner so recht versteht. Das ist ihr Geheimnis: Warum Zwei sich trennen oder wieder finden. Die beiden haben sich nichts zu sagen, nur immer "Koffer" und "Fahrrad". Und "Wie geht es dir?" Doch warum klingt das Nichtssagende so zart und frühlingshaft? Der Körper gibt das Nichtgesagte preis.

In den Wetternachrichten gibt es den subjektiven Begriff der "gefühlten Temperatur". So geht es einem auch hier. Man genießt den unschuldigen Reigen, akzeptiert die Einladung zur Fahrradtour - oder man steigt ab. Die Radler haben nämlich einen kleinen Tick. Sie rasen wie die Lemminge ins Off. Sie donnern mit Karacho in ein unsichtbares Hindernis; man hört es scheppern. Spielerisch, zugleich mit großem Ernst, ohne Erklärung, aber einem starken inneren Drang folgend, fahren die kleinen Strolche lustvoll ihren Bauchladen gegen die Wand. Ein Sinnbild des neuen Autorentheaters?Nächste Vorstellungen am 20. und 12. März

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