Kultur : Vor Schreck ein Wiedergänger

FRIEDEMANN KRUSCHE

Etwas jetten.Etwas chatten.Klick-klack, zick-zack.Via Maus ins Internet.Via Internet ins Ehebett.Unsere Probanden: Hanns und Michelle.Zwei Kinder dieser Zeit.Schräg, schroff, schrill.Manchmal easy, öfters fies.Hanns ist Programmierer, Michelle Besitzerin einer Software-Firma.Die ideale Kombi also, wo "das nächste Millennium tausend Prozent Technologie" sein wird.Stetigkeit im Job, Unstetes im Gefühl.Oder auch Unfähigkeit zur Liebe."Dieser Teil ist tot in mir", sagt der Hanns im Glück, wenn er sich einer Schönen zwischen die Beine legt.Bleibt die Suche, bleibt die Sucht.Nach dem Leben, nach dem flotten kleinen großen Trip.Heute tief durch Warschaus knöcheltiefen Schlamm.Morgen schon auf dem Gipfel.Snowboarden an Ostern im Engadin.Auf gehts.Ab gehts.Unten angekommen, fiept das Handy.Hanns erfreut: "Hallo, Michelle."

Michelle in einem früheren Leben hieß vielleicht Micaela, Hanns nannte sich womöglich José.Ein versprochenes Paar - in der Novelle von Prosper Mérimée soviel wie in der Oper von Georges Bizet.Solange, bis Carmen kommt.Eine Verführerin ist auch die hochgelobte, durch Stückaufführungen in München und zuletzt am Schauspielhaus Hamburg bekanntgewordene 37jährige Berliner Autorin Simone Schneider.Mit "Ägypter", so der Titel ihres jetzt in Leipzig uraufgeführten jüngsten Theatertexts, legt sie bewußt eine falsche Fährte, anspielend auf das bis ins 18.Jahrhundert tradierte Fehlurteil, wonach Sinti und Roma aus Ägypten stammen.Ägypter treten in den "Ägyptern" nicht auf - der Titel als Synonym für das unverstandene, gleichermaßen faszinierende wie abstoßende exotisch Fremde.

Fremd in diesem Stück, fremd in dieser unserer Zeit ist Taisa, eine ins deutsche Paradies geschleuste Roma als eine Art Carmen der Moderne - in Susanne Buchenbergers exzellenter Darstellung nicht die rabenschwarze femme fatale, sondern eine hennarote Füchsin, ein wildes, ungezähmtes Tier, das erschreckt die Zähne zeigt, will sagen: zum Messer greift, wenn ihr aus dem Computer eine ballernde Männeken-Crew entgegenspringt.

Ein wildes wirres Springen ist freilich auch dieses so anspielungsreiche wie konstruiert wirkende Stück; ein Tanz auf dem Vulkan, ein Hasten zwischen verhuschtem Seeldendrama und grell aufgeschminkter Groteske.Stark dort, wo die Figuren als Schattenrisse an die geläufigen Klischees vom gefühlsstarren Kopfmenschen geheftet werden.Schwach da, wo der Schreck vor der Konsequenz der eigenen Methode schaudernd unter die Textoberfläche kriecht und die farcenhafte Überzeichnung zurücknimmt zugunsten erklärender, Besserung verheißender Psychologie.

Die japanische Regisseurin Kazuko Watanabe, in Leipzig mit ihrer im vergangenen Jahr zum Berliner Theatertreffen geladenen Inszenierung von Jelineks "Stecken, Stab und Stangl" schon einmal erfolgreich, weicht etwas unentschlossen vor derartigen stilistischen Unstimmigkeiten zurück.Als ihre eigene Bühnenbildnerin gibt sie der Szene auf der Hinterbühne des Schauspielhauses einen wundervollen surrealen Touch, als Inszenatorin aber begibt sie sich ins Sentimental-Gefällige, wenn Taisa nach dem obligaten Messertod am Ende eine Wiedergängerin folgt und die alerte Geschäftsfrau Michelle sich als Adoptivmutter gerieren muß.Um "erfüllte Zweisamkeit zu erlangen", heißt es im Programmheftbeitrag von Simone Schneider, "muß erst durch den Schmerz gegangen werden." - "Ich glaube, man muß sich abschaben - weniger Haut, weniger Entwurf, weniger Phobie." So sympathisch das klingt - in den "Ägyptern" hat es sich nicht einlösen lassen.Dazu wurde zu dick aufgetragen.

Leipzig, Schauspiel, wieder 14./23.März.

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