Kultur : VOR - Sotto Voce

Ob sich noch jemand an den Klavierabend erinnert, den der US-Amerikaner Horacio Gutiérrez vor knapp zweieinhalb Jahren in Berlin gab? Großartiges Klavierspiel war da zu hören, von souveränem Dispositionsvermögen und seltener Anschlagskultur.Das brauchte den Vergleich mit seinen berühmteren Landsleuten Emmanuel Ax und Murray Perahia nicht zu scheuen.Hierzulande ist Gutiérrez dennoch weitgehend unbekannt, auch weil sich bislang keines der großen Plattenlabel für ihn interessierte.Sein Recital im Kammermusikssaal sollte kein Klavierfreak versäumen, schon das Programm türmt mit Ravels "Gaspard de la Nuit", Schumanns C-Dur-Fantasie und Liszts Mephistowalzer virtuose und gestalterische Höchstschwierigkeiten auf (10.3.).

Bei solchen Gastierabständen verebbt jede Mund-zu-Mund-Propaganda genauso wie die Erinnerung an ein enthusiastisches Kritikerecho.Für die Konzertagenturen bedeutet das bei jedem Konzert ein unvermindertes Risiko: Bis sich ein Künstler beim Publikum durchgesetzt hat, dauert es Jahre - und dann ist er meist so teuer, daß nur bei ausverkauftem Saal noch Gewinn für den Veranstalter abfällt.Geld für große Werbeaktionen ist da meist nicht drin, doch ohne Werbung kommen noch weniger Leute ...

Einen Ausweg aus diesem Teufelskreis könnte die von der Popmusik übernommene Idee der Tournee zur CD bringen.Vorabaufmerksamkeit in den CD-Magazinen ist garantiert, Tour und CD können auf integrierten Anzeigen mit aufwendigen Fotos zusammen beworben werden.Die Wirksamkeit dieses Konzeptes läßt sich am 14.3.im Kammermusiksaal überprüfen, wenn der finnische Pianist Olli Mustonen dort das Programm seiner neuen Bach/Schostakowitsch-Aufnahme präsentiert.Mustonen wurde in den letzten Jahren als Klavierexzentriker in der Nachfolge Glenn Goulds aufgebaut, Synonym für einen Klassik-Markt, auf dem selbst Spitzenkünstler immer stärker über den Greisen-Wunderkind-Sonderlings-Bonus verkauft werden müssen, um die x-te Repertoireeinspielung interessant zu machen.

Wer dabei aufs Startreppchen gehievt wird, scheint manchmal willkürlich.Statt Mustonen hätte es genauso Alexander Lonquich sein können.Bei seinem letzten Berliner Soloabend vor fast anderthalb Jahren - für das Funktionieren von Mundpropaganda ist auch das wohl zu lange her - machte er ganz den Eindruck eines verträumten Romantikers: Schulterlanges Haar, Samtjoppe statt Frack und verklärter Blick, am Klavier saß da ein "kunstliebender Klosterbruder", der mit seinem Instrument schillernde Klangmärchen erzählte.Sein Auftritt mit dem Haydn-Ensemble im Kammermusiksaal bietet ihm dazu freilich nur wenig Gelegenheit, Haydns D-Dur-Konzert und Erwin Schulhoffs Doppelkonzert für Flöte und Klavier sind reine Gute-Laune-Stücke (9.3.).

Fest etabliert im Berliner Konzertleben hat sich dagegen Markus Groh, nach leichten Anlaufschwierigkeiten vergeht derzeit kaum ein Monat ohne ein Konzert mit dem Gewinner des Brüsseler Königin-Elisabeth-Klavierwettbewerbs.Diesmal spielt Groh, mit dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach unter Hartmut Haenchen, Mozarts c-Moll-Klavierkonzert, nachdem schon sein letzter Berliner Auftritt Mozart gewidmet war (Konzerthaus, 12.3.).Groh ist ein glänzender Techniker, dessen Mozartspiel von klassischer Konturenschärfe ist.Die große Interpretenpersönlichkeit hat er bislang noch nicht gezeigt - aber dann wäre er für Berlin wohl auch schon zu teuer.

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