Kultur : Vor verlorenem Posten

Politfarce: „November“ im Theater am Ku’damm.

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Duett. Chef (Jochen Busse) und Redenschreiberin (Ute Willing). Foto: Eventpress Hoensch
Duett. Chef (Jochen Busse) und Redenschreiberin (Ute Willing). Foto: Eventpress HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Der Präsident hat’s vermasselt. Seine Umfragewerte sind nicht im Keller, sondern in der Kanalisation. Die letzte Option lautet, es am Wahltag regnen zu lassen, damit möglichst viele zu Hause bleiben. Und für die Zeit des Zwangsruhestands winken allenfalls Gastrednerverträge in Saudi-Arabien. Da stellt sich bloß noch die Frage, ob die First Lady die Couch aus dem Weißen Haus mitnehmen darf. Aber auch damit sieht’s nicht gut aus.

In David Mamets Politfarce „November“ steht ein Hanswurst im Oval Office auf verlorenem Posten. Der vermeintlich mächtigste Mann der Welt weiß nicht genau, ob sein Land sich gerade im Krieg mit China befindet. Sein Secret Service geht lieber Kaffee trinken oder zum Sensibilitätstraining. Und als letzte Amtshandlung soll Präsident Charles Smith kurz vor Thanksgiving auch noch ein paar Truthähne im Fernsehen begnadigen. Wie peinlich. Gegen solche Glanzlosigkeit nimmt sich selbst die Lewinsky-Affäre wie ein Staatsakt aus.

Vor fünf Jahren war das Stück bereits am Renaissance-Theater zu sehen, mit Rufus Beck in der Rolle des Staatenlenkers. Diesmal gibt Jochen Busse den Präsidenten Hasenfuß – passend zur bevorstehenden heißen Wahlkampfphase. Und weil man zu diesem Thema von deutschen Nachwuchsdramatikern lieber nichts lesen möchte und da sich die Wirkmechanismen des Politbetriebs ohnehin ähneln, passt auch der Umweg über Amerika.

Regie führt René Heinersdorff; der Leiter des koproduzierenden Theaters an der Kö in Düsseldorf hat außerdem den Part des Präsidentenberaters – und aalglatten Strippenziehers – Archer Brown übernommen. Eine weit größere Leistung allerdings glückt ihm als Regisseur, indem er Mamets Stück den ideologischen Stachel zieht. „November“, mitunter als Abrechnung mit Bush missverstanden, beschreibt vielmehr Mamets Wandlung zum Konservativen, die der Dramatiker seinerzeit per Gesinnungsbeipackzettel in der „Village Voice“ erläuterte („Warum ich kein ‚hirntoter Liberaler’ mehr bin“). Also ist das Stück als reaktionäre Mehrheitsbelustigung lesbar: etwa, wenn sich Präsident Smith darüber echauffiert, dass die stinknormalen Menschen keine Rechte mehr genössen, bloß noch die Roten, Schwulen, Behinderten – womit er die Lacher einer mindestens wertkonservativen Fraktion sicher hat. Oder wenn sich die liberale lesbische Redenschreiberin Clarice Bernstein (Ute Willing) nichts sehnlicher wünscht, als mit ihrer Freundin Monica (sic!) medienwirksam vom Präsidenten verheiratet zu werden. Und zum Finale lässt Mamet einen Indianerhäuptling (André Beyer) ins Oval Office marschieren, dem zur Schießbudenfigur nur noch das Feuerwasser fehlt.

Aber wozu es mit der Political Correctness übertreiben, wenn das heutzutage sowieso der Verein Bühnenwatch mit seinen Blackfacing-Debatten erledigt? Außerdem setzt Heinersdorffs Inszenierung eben nicht auf die billigen Lacher, sondern untersucht das Grundmotiv des gnadenlosen Opportunismus einer Machtblase, in der sich jeder grotesk verbiegt – versetzt mit Anspielungen auf PrismSkandal und Snowden-Asylsuche.

Jochen Busse trägt diese Wahlkampf-Show höchst sehenswert als Stehaufmännchen, das in seinen bauernschlauen Momenten die Truthahnzüchter-Lobby erpresst. Sein Präsident Smith ist dabei kein grundverdorbener Mensch, eher eine überforderte – und komische – Ausgeburt der grassierenden Konsens-Manie. Adlatus Archer hingegen heuert am Ende in Deutschland an, wo er dringender gebraucht wird. Ins Telefon ruft er: „Nein, Peer, das schafft deine Frau nicht allein!“Patrick Wildermann

Vorstellungen bis 25.8., Di bis So.

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