Vorabdruck : Selbstversuch als Sargträger: Das Fußende ist leichter

Locker absenken. Den Rücken gerade! Und stumm abgehen. Unser Autor hat für sein Buch "Probeliegen" Geschichten über den Tod gesammelt - und dabei auch in einem Berliner Bestattungsunternehmen gearbeitet. Wir drucken ein Kapitel vorab.

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Schwere Last. Für sein Buch „Probeliegen. Geschichten vom Tod“ (Scherz Verlag) hat Torsten Körner Särge getragen. Foto: JOKER
Schwere Last. Für sein Buch „Probeliegen. Geschichten vom Tod“ (Scherz Verlag) hat Torsten Körner Särge getragen.Foto: JOKER

Heute hatte ich das erste Mal einen Toten gesehen.

Der Tag fing hektisch an. Man musste mindestens eine Viertelstunde vor Dienstbeginn auf dem Hof sein, damit man sich in Ruhe einkleiden konnte. Und da für mich noch ein Anzug ausgesucht werden musste, war ich spät dran. Ich bekam einen schwarzen Anzug, der etwas breit an den Schultern und etwas kurz an den Beinen war, aber ansonsten fabelhaft passte. Über mein kurzärmliges weißes Hemd wurde eine schwarze Weste gestreift. Der Kollege, der mich einkleidete, band mir die schwarze Krawatte. Es war ein ungewöhnlich warmer Herbsttag.

Dann ging es hinaus. Wir waren sechs Mann auf dem Wagen. Zunächst stand nur eine Sargfeier auf dem Programm, ob wir noch andere Termine bekommen würden, würde sich erst im Laufe des Tages zeigen. Wir mussten nach Pankow, einem Stadtteil im Osten. Der Verkehr war dicht, der Fahrer gab Gas. Jetzt bloß nicht in einen Stau geraten! Ich fühlte mich verantwortlich für den Zeitdruck. Der Tote, ein alter Mann, war schon an Bord. Er wurde von uns zum Friedhof gefahren, dort sollten wir den Sarg ausladen, ihn in die Kapelle tragen, die Angehörigen sollten sich verabschieden, wir den Sarg wieder einladen und dann den Toten zurück zum Hof fahren, wo er dann in der Kühlkammer auf seine Fahrt zum Krematorium warten müsste.

Im Laufe der nächsten Woche lernte ich, dass jeder Tote viele Fahrten hinter sich bringt, ehe er die letzte Ruhe findet. Wir sollten uns nicht einbilden, dass wir unsere Ruhe haben, nur weil wir tot sind.

Unsere Mannschaft bestand aus einem Festangestellten und vier Aushilfen. Und mir. Einer von ihnen war ein Ingenieur, der demnächst eine neue Stelle in seinem erlernten Beruf antreten würde. Er war als Sargträger der Langzeitarbeitslosigkeit entflohen.

Ein großes, ein ständiges Thema für die Sargträger war das Tragen des Sarges. Kopf- und Fußtragen waren feste Wendungen. Wer den Kopf trug, trug am Kopfende, dort, wo es schwerer war, wer Fuß trug, trug das Fußende, hier ging es leichter, deshalb war es begehrter. »Die, die in der Mitte tragen, tragen praktisch nichts«, sagten sie, aber das stimmte nicht, ich habe in der Mitte getragen, und »nichts« fühlte sich anders an.

Wir erreichten den Friedhof trotz aller Hindernisse pünktlich, trugen den Sarg in die Kapelle und warteten auf die Angehörigen. Ich wurde eingewiesen. »Nimm den Angehörigen die Blumen und Kränze ab, sofern sie es wünschen! Hast du dein Handy ausgeschaltet? Feg noch einmal die Ladefläche des Wagens sauber! Schau immer auf den Vordermann und mach es ihm nach! Kehre den Angehörigen nicht den Rücken zu, wenn du die Blumen aufhebst! Stell dich dort hin, an den Fuß der Treppe, und warte, bis alle in der Kapelle sind!«

Während der Trauerfeier blieben wir draußen. Die Männer schrieben SMS oder spielten sich per Bluetooth lustige Filme auf ihre Handys. Und sie rauchten. Alle.

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