Kultur : Vorbild Museumsinsel

Wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Georgien bei der Sanierung von Sammlungen hilft.

Rainer Kaufmann

„EU-Twinning-Projekt, was ist das überhaupt?“, fragte sich Günther Schauerte, heute Vizepräsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, als ihm vor zweieinhalb Jahren eine Ausschreibung der Europäischen Kommission auf den Schreibtisch flatterte. Es ging um die Unterstützung des Georgischen Nationalmuseums bei dessen institutioneller Entwicklung, Brüsseler Fachchinesisch, eine trockene Verwaltungsangelegenheit. Heute, zum Abschluss des Projektes, bekommt Schauerte in der georgischen Hauptstadt fast feuchte Augen. Das Experiment Twinning hat sich für beide Seiten gelohnt, auch für die Berliner Entwicklungshelfer in Sachen modernes Museum: „Wir haben in der Fremde unsere eigene Methodik auf den Prüfstand gestellt, wir haben uns eigentlich selbst evaluiert.“

Twinning bedeutet, dass öffentliche Verwaltungen aus Europa mit Partner-Institutionen in den potentiellen EU-Beitrittsländern für eine gewisse Zeit zusammenarbeiten, um auf diesem Wege die Beitrittsländer an europäische Verwaltungsstandards heranzuführen. Über eine Million Euro hat die EU in das Museums-Twinning Tiflis-Berlin gesteckt, von rund 2 500 einzelnen Twinnings das erste und einzige aus dem Sektor Kultur. Neben Manfred Nawroth als Langzeitexperten vor Ort waren rund 40 Spezialisten aus Berliner Museen in Kurzzeiteinsätzen in Tiflis, etliche MitarbeiterInnen der Tifliser Museen konnten sich in Berlin mit einer modernen Museumsverwaltung vertraut machen.

Ein dringend notwendiger Fortbildungstourismus, denn der Zustand der georgischen Museen ist katastrophal. In den Restaurierungswerkstätten gibt es kein geeignetes Licht, kaum technische Ausrüstung, kein Labor. Im Winter sind die Werkstätten kaum geheizt, im Sommer feucht-schwül und nicht temperiert. Im Kunstmuseum lagern etwa 7000 Grafiken und 5000 Gemälde meist unverpackt und ungeschützt in Holzregalen, viele Exponate sind von Schädlingen befallen. Immerhin: Im Depot des Kunstmuseums wurden jetzt teilweise Metallregale eingebaut und eine Verpackung für die Grafiksammlung angeschafft, die jetzt, wie die Gemäldesammlung, auch neu erfasst und katalogisiert wird. Ein Anfang.

Besser geht es der Orientsammlung des Kunstmuseums, die Weltgeltung hat. „Exponate dieser Qualität gibt es in keiner europäischen Metropole in dieser Breite und Tiefe zu sehen“, begründet Manfred Nawroth, dass der Umzug der Orientsammlung in ein neues Depot Priorität hatte. Beim Umzug halfen den deutschen Experten die Erfahrungen aus der Nachwendezeit in Berlin, als dort Museen zusammengelegt werden mussten. Dabei wurden jetzt in Tiflis erstmals Fachlabors für alle Bereiche der Restaurierung und Forschung eingerichtet, das Umzugsgut wurde erst einmal von möglichen Schädlingen befreit und desinfiziert. Zum Abschluss des Twinning-Projekts wird die Orientsammlung in einer befristeten Ausstellung einige ihrer Schätze im Historischen Museum ausstellen. Irgendwann soll sie eine dauerhafte Ausstellungsfläche bekommen, irgendwann soll auch das marode Kunstmuseum saniert werden.

Zur Generalerneuerung der georgischen Museen gehört auch ein modernes Kompetenzzentrum für Forschung und Restauration. In den letzten beiden Jahren wurde es von Berliner Spezialisten mit ihren georgischen Partnern in den Grundzügen geplant, derzeit wird an der Planung für die Umsetzung dieser dringend notwendigen Investition gearbeitet. „Die Berliner Museen haben eine ähnliche Struktur wie wir und – vor allem – sie haben Erfahrung in der Überführung sozialistischer Museen in eine moderne Institution“ sagt David Lordkipanidse, Generaldirektor des Georgischen Nationalmuseums.

Das Georgische Nationalmuseum ist verwaltungstechnisch gesehen ein junges Unterfangen. Es wurde im Dezember 2004 mit der Zusammenlegung von vorher drei selbstständigen Museen in der Hauptstadt, vier weiteren in der Provinz, zwei Forschungsinstituten und drei Hausmuseen gegründet. Die Tradition einiger Museen reicht allerdings bis in das Jahr 1852 zurück. Weltweit einmalige Exponate sind in der neu gestalteten Schatzkammer des Historischen Museums mit Goldschmiedearbeiten aus der Kolchiszeit zu besichtigen. Weltgeltung haben auch die Huminidenfunde in der Grabungsstätte Dmanissi, die reichhaltigste, prähistorische Fundstätte in ganz Eurasien. Die Urgroßeltern Europas sind über den Kaukasus eingewandert.

„Zusammen mit der benachbarten Nationalbibliothek, dem Literaturmuseum, der Staatlichen Galerie und anderer Institutionen lässt sich in Tiflis eine Kulturmeile konzipieren, die es in der Qualität mit ähnlichen Projekten jederzeit aufnehmen kann“, sagt Manfred Nawroth. Zum Abschluss des Twinnings präsentiert die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in einer Ausstellung die Museumsinsel Berlin und gleichzeitig die Planung der Tifliser Museumsmeile und stellt in einem Symposium die Frage: „Why Museums Now?“ Auch über die Twinning-Phase hinaus wollen die Berliner Museen mit ihren Partnern in Tiflis weiter zusammenarbeiten, einer langen deutschen Museumstradition im Kaukasus folgend. Das Kaukasische Museum in Tiflis wurde 1863 vom deutschen Naturforscher Gustav Radde gegründet, der viele Jahre Direktor des Museums war, aus dem das Historische Museum Georgiens hervorgegangen ist. Rainer Kaufmann

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