Kultur : Vordenker und Banker

Eine neue Biografie des ermordeten Dresdner-Bank-Chefs Jürgen Ponto.

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Wenn heute der Name Jürgen Ponto fällt, denken die meisten an seine Ermordung durch die Rote Armee Fraktion 1977 in Frankfurt am Main. Über Pontos Leben und seine Arbeit als Vorstandssprecher der Dresdner Bank wird inzwischen nur noch selten gesprochen. Dabei galt er in den 70er Jahren als „Leitbankier“, dessen Einfluss durchaus mit dem von Hermann Josef Abs, dem Sprecher der Deutschen Bank, verglichen wurde. Die Historiker Ralf Ahrens und Johannes Bähr haben diese Lücke jetzt mit einer Biografie über Ponto als „Bankier und Bürger“ gefüllt. Darin schildern sie den rasanten Aufstieg des Juristen und sein Wirken an der Spitze eines der damals größten Geldhäuser Deutschlands.

Ahrens und Bähr nähern sich Ponto von der akademischen Seite. Ihre Biografie grenzt sich damit auch von einem ganz anderen Ponto-Buch ab, das vor zwei Jahren erschienen ist: In „Patentöchter“ hatten sich Corinna Ponto, die Tochter des Bankers, und Julia Albrecht, deren Schwester an dem Mord am 30. Juli 1977 beteiligt war, auf sehr persönliche Weise mit dem Attentat auf Jürgen Ponto und dessen Folgen für beide Familien auseinandergesetzt.

Die beiden Historiker konzentrieren sich darauf, Leben und Arbeit von Jürgen Ponto nachzuzeichnen. Ihr Buch beruht zu einem großen Teil auf dessen Büronachlass, auf seinen Reden, Gesprächsnotizen und Briefen. Die Lücken haben die Autoren mit Zeitzeugeninterviews zu füllen versucht. Herausgekommen ist dabei ein nüchternes Buch, ohne viele Anekdoten, das dennoch sehr gut nachzeichnet, welche Rolle Banker wie Ponto in der alten Bundesrepublik gespielt haben.

Jürgen Ponto, geboren 1923, kam nach dem Jurastudium als Referendar in die Rechtsabteilung der Dresdner Bank und machte dort schnell Karriere. Mit 36 Jahren wurde er Chefsyndikus, also Leiter der Rechtsabteilungen, fünf Jahre später rückte er in den Vorstand auf. Nach weiteren fünf Jahren war er bereits Sprecher des Vorstands. Ahrens und Bähr beschreiben ihn als Botschafter und Sympathieträger: „Wohl kaum einem anderen Großbankier sind zu Lebzeiten so ungeteilt Lob und Respekt gezollt worden.“

Dabei waren die 70er Jahre in Deutschland für Banker nicht leicht. Die Jahre des Wirtschaftswunders waren vorbei, gleichzeitig wurden die Banken für ihren großen Einfluss auf die Industrie kritisiert. Sie hielten beachtliche Anteile an Großkonzernen und waren in vielen Aufsichtsräten vertreten. So saß Ponto in den Kontrollgremien von AEG, RWE, Münchner Rück, Bilfinger und Berger, Hapag Lloyd, Allianz und Krupp.

Angesichts der Kritik verstand sich Ponto als Botschafter für die Geldhäuser. Er wollte „die oft gespensterhaften Vorstellungen der Öffentlichkeit von unserem Beruf an eine lebendige Wirklichkeit heranführen“. Deshalb ließ er zum Beispiel für die Dresdner Bank als eines der ersten Institute in Deutschland Werbung im Fernsehen schalten. Glaubt man Ahrens und Bähr, ist es Ponto zu verdanken, dass sich das Ansehen der Dresdner Bank wandelte – von einer „altbackene Händler- und Wertpapierbank“ hin zu einem modernen Institut, das auch im Ausland aktiv war.

In mehrerlei Hinsicht war Jürgen Ponto ein Vordenker, zum Beispiel in seiner Vorstellung von Europa: Immer wieder betonte er, dass die Wirtschaft in Europa unweigerlich zusammenwachsen müsse. Vor Studenten sagte er im Herbst 1970, es sei nicht unrealistisch, „dass es vielleicht schon in 10, 15 oder 30 Jahren die Deutsche Mark nur noch im Münzkabinett geben wird“. Und auch wenn er sich später immer wieder für eine gemeinsame Währungsunion aussprach, warnte er schon damals vor den Problemen, die sie mit sich bringen würde. In seiner letzten öffentlichen Rede im Sommer 1977 betonte er, dass „eine gemeinsame Währung nur von einer weitgehend harmonisierten Politik getragen werden“ könne. Insofern liest sich seine Biografie auch wie ein hochaktueller Kommentar zur Gegenwart. Carla Neuhaus

Ralf Ahrens,

Johannes Bähr:

Jürgen Ponto. Bankier und Bürger. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2013. 348 Seiten, 25,95 Euro.

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