Kultur : Vorderhaus, dritter Stock

Das Wohnzimmer als Konzertsaal: Ein Musiktrend erobert private Räume

H.P. Daniels

Nur mit einer unbekannten Adresse in der Tasche fährt man zum Prenzlauer Berg. Klingelt an einem Haus, wo man noch nie war, bei einem Menschen, den man nicht kennt. Komisches Gefühl. Aber immerhin, man hatte sich angemeldet für „Live In The Living“. Dahinter verbirgt sich ein Wohnzimmerkonzert. Nach Ansicht der jungen Dame, die diese ungewöhnliche Hausmusik organisiert, könnte „Live In The Living“ der nächste heiße Trend sein.

Die Idee kommt aus Holland, wo das Konzept schon seit 2003 erprobt wird. Amsterdam, Groningen, Utrecht, Zwolle. In den USA gibt es so etwas Ähnliches auch schon eine Weile: „In House Concerts“ heißen sie dort. Und jetzt zum zweiten Mal in Berlin. Das Konzept ist einfach: Drei Singer/Songwriter treten je einzeln öffentlich auf im Wohnzimmer einer Privatwohnung. Keine Mikrofone, keine Bühne, keine Scheinwerfer, kein Backstage. Und nur etwa 30 Zuhörer. Die Wohnung ist privat. Aber auch deren Inhaber kennt die Gäste nicht, die da kommen. Und kommen darf jeder. Nur rechtzeitig anmelden muss man sich. Die kleinen exklusiven Konzerte sind schnell ausverkauft.

„Vorderhaus, 3.Stock!“, sagt eine Frauenstimme durch die Sprechanlage. Man steigt die Treppen eines gepflegten Altbaus nach oben. Stimmengewirr, Gemurmel durch die offene Wohnungstür. „Hallo!“ Es ist wie bei einer Party: Alle drängeln sich in der Küche. Stehen rum. Unterhalten sich. Neue Filme, Urlaub, Essen. Die Wohnung ist klein, zwei Zimmer, die mit einem Durchgang verbunden sind. Schwarze und weiße Klappstühle stehen in Reihen, ausgerichtet auf ein Bücherregal, das die gesamte Seite des Raumes mit bunter Bildung füllt: Canterbury Tales, Joyce, Sartre, Tolkien, Lexika, Weltatlas, Bibel, Umberto Eco, Theater, Reise, Reclam- Hefte. CDs, Videos, Vinylplatten. Ist man etwa nur hier, um das bildungsbürgerliche Schwemmgut zu bewundern? An der Wand Plakat vom „Kunstfest Weimar“ und ein LP-Cover von Wir sind Helden. Wessen Wohnung ist das? Ein Freiwilliger, der seine kleine Behausung, seine beiden Zimmer, heute mal jungen Musikern zur Verfügung stellt: für einen Abend, für ein Konzert. Und denen, die sich’s gerne anhören möchten: Zwei aufgeschlossen interessierte ältere Damen sitzen zwischen jüngeren Menschen zwischen 25 und 35. Wieder hatten mehr kommen wollen, als kommen durften. 8 Euro Eintritt, inklusive Getränke. In der Küche steht eine Sammelbüchse.

Aber wem gehört die Wohnung? Vielleicht dem freundlichen, sonnengebräunten Mann, der auf einen Stuhl steigt, um die Kerzen eines von der Decke hängenden Leuchters anzuzünden? „Getränke sind im Kühlschrank!“, sagt eine junge Frau, „soll ich dir ’n Bier mitbringen?“ „Oh ja, danke, sehr nett!“ Das Bier ist kalt, es tut gut in der Hitze. Doch dann müssen die Fenster geschlossen werden, wegen des Straßenlärms, vielleicht auch aus Rücksicht auf die Nachbarn.

Um kurz nach acht geht’s los. Ein Moderator, unaufdringlich angenehm, erklärt das Prozedere: Drei Musiker würden nacheinander je 15 Minuten lang spielen. „Dann gibt’s eine Pause, und wer will, kann zum Rauchen rausgehen!“

Bald sind alle ganz still, kein Glas klirrt mehr, kein Fuß scharrt. Alle höchst gespannt, was da kommen mag: Andreas Bonkowski, ein dünner, junger Typ mit olivgrünem T-Shirt und modernisierter Pilzkopffrisur, setzt sich vors Bücherregal mit einer Akustikgitarre, die wunderbar klingt ohne Verstärkung, offen ringelnde Akkorde, schnelle angejazzelt-perkussive Wechsel begleiten eine scheue, doch feste, leicht angefistelte Stimme, die an Elliott Smith erinnert.

Und sofort wird klar, was den besonderen Reiz dieses Konzertes ausmacht. Es ist die Direktheit. Die Nähe von Publikum und Sänger. Songs in einfacher Schönheit. Ohne Barrieren. Ohne Mikrofone, ohne Hall und Tüdelüh. Doch mit umso mehr Nachhall und Tiefe. Weil hier nichts beschönigt wird, mit künstlichen Sound- und Licht-Effekten, mit elektronischen Tricks. Weil alles so klingt wie es klingt. Eine Stimme und eine Gitarre. Das ist wirklich „unplugged“ – wahr und echt. Und das Publikum ist so still und konzentriert, dass nichts verloren geht wie sonst so oft. In der Unruhe, im Gedränge, im Gequatsche und im Nikotindunst der Club-Konzerte. Nach ein paar feinen Songs sagt Andreas: „Und damit übergebe ich an die wunderbare Miss Kenichi“.

Wir kennen Miss Kenichi zwar nicht, können nicht beurteilen, ob sie wunderbar ist. Aber sehr reizend und ein bisschen verlegen lächelnd übernimmt die junge, blonde Frau im roten Sommerkleidchen den Platz im Mittelpunkt. Sie heißt eigentlich Katrin Hahner, wohnt erst seit drei Monaten in Berlin. „So ein Bücherregal müsste man immer auf der Bühne haben, das ist doch eine super Kulisse!“, sagt sie lächelnd, und spielt eine einfache, hypnotische Akkordfolge auf einer alten Epiphone-Halbresonanzgitarre. Darf man das beim Wohnzimmerkonzert? Gitarren elektrisch verstärken? Miss Kenichi darf. Ist ja auch nur ein ganz winziger Kofferverstärker. Sie braucht ihn für diesen ganz speziellen Klang, einer Art samtigen Underground-Sound zur entzückend verhauchten Stimme, die sehr unschuldig und kleinmädchenhaft wirkt, es aber faustdick hinter den Ohren hat. Humor, Selbstironie und entwaffnende Direktheit. „Under my skirt there’s a rainbow that’s toxic“, singt sie von einem giftigen Regenbogen unter ihrem Rock. Und schaut dabei ihren Zuhörern direkt in die Augen. Miss Kenichi hat Schauspiel studiert und Malerei. Aber ihre größte Leidenschaft gilt der Musik.

Nach vier Songs übernimmt der Amerikaner Zac Galen den Regalplatz. In knittrigem Hemd und mit bunter Kappe steht er aufrecht da, mit der Akustikgitarre, und bewegt den massiven Körper zu massiven Songs. Lässiges Fingerstyle-Picking, harter Anschlag, rhythmisches Saitenknallen. Jazzig, latino-funkelig. Und singt sehr cool und schön, mit einer Stimme irgendwo zwischen Jack Johnson und James Taylor. Zwischen Sonne und Melancholie.

In der Pause kommt man ins Gespräch: mit den Musikern, mit den Gästen, mit der Organisatorin von „Live In The Living“. Elena Brückner hat die Idee der Wohnzimmerkonzerte von einem holländischen Freund übernommen, hat das Konzept inzwischen nach Saarbrücken, Leipzig und Berlin übertragen. Und gibt damit erstklassigen jungen Musikern ein Forum, macht sie per Mundpropaganda bekannter. Wobei sie die Kooperation sucht mit kleinen Independant-Labels, abseits der großen Plattenindustrie, jenseits des Kommerz-Rummels. Privat, intim und schön. Und scheut dafür keine Mühen. Für ihre Veranstaltung heute hat sie vorher noch 15 Klappstühle gekauft und, weil sie kein Auto hat, mit ihrem Freund auf zwei Fahrrädern vom Möbelhaus hertransportiert.

Dann nehmen wir wieder Platz auf den Stühlen, die neben einem noch vage geknüpften Netzwerk das einzige Kapital der Veranstalterin sind. Die gibt dem Modewort Home Entertainment eine ganz neue Bedeutung. Und kaum hat nach dem zweiten Teil des Konzertabends Miss Kenichi ihr schwarzes Aktenköfferchen aufschnappen lassen, hat sie daraus auch schon sämtliche Exemplare ihrer Debüt-CD „Collision Time“ verkauft.

Informationen zu der Konzertreihe unter: www.liveintheliving.nl, demnächst auch unter: www.liveintheliving.de. Kontakt: 0179 / 1464910

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