Kultur : Vorgelesen: Arthur Schnitzlers "Leutnant Gustl" und "Fräulein Else"

Zwischen den beiden Erzählungen Arthur Schnitzlers, "Leutnant Gustl" und "Fräulein Else", liegen 23 Jahre: Der innere Monolog des jungen Leutnants, der nach einer Oratoriumsaufführung in Wien beim Garderobe-Abholen von einem Bäckermeister als "dummer Bub" abgekanzelt und damit in seiner Offiziersehre gekränkt und beleidigt wird stammt von 1901; die letzten Gedanken der in der italienisch-österreichischen Alpen Ferien machenden höheren Tochter Else, ihr Vater ist ein der Spielleidenschaft verfallener Rechtsanwalt, stammen aus dem Jahr 1924. Beide spielen in Wien oder im Magnetfeld Wiens, beide also in "Kakanien" - zwischen beiden liegt die Zäsur des Untergangs der Donau-Monarchie.

In beiden Prosa-Meisterstücken geht es um die Ehre, die äußere und die verinnerlichte. Der Leutnant nach dem Konzert, von dem "rüden" Bäckermeister, der nicht satisfaktionsfähig ist, beleidigt, müsste sich töten, wenn, ja wenn nicht der Beleidiger in der gleichen Nacht der Schlag getroffen hätte. Der Text, ein Meisterstück der Entlarvung der Scheinmoral, ist das erste Beispiel einer Erzählung, die ganz als innerer Monolog geschrieben ist.

Wie auch "Fräulein Else", der die Eltern zumuten, im Urlaub für die Schulden des Vaters einen alternden Lebemann anzubetteln, der auch prompt verlangt, sie nackt zu sehen: "Ein unmoralisches Angebot" von 1921, als Österreichs Scheinmoral längst zerbrochen war. Fräulein Else, deren letzte Gedanken ergreifend, rührend und entlarvend sind, bezahlt die Zumutung mit dem Freitod.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben