• Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins"

Kultur : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins"

Von den Verwicklungen zweier Liebespaare erzählt Milan Kundera in seinem 1984 erschienenen Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", der ein Welterfolg wurde: Er wurde zum populärsten großen Roman der achtziger Jahre. Es ist eine alte Geschichte: Der Chirurg Tomes, ein erfolgsverwöhnter Arzt, Frauenliebling und -liebhaber, heiratet die Krankenschwester Teresa und emigriert mit ihr aus der Tschechoslowakei in die Schweiz. Dort lebt bereits seine Ex-Geliebte Sabine, eine Malerin, die eine Beziehung zu einem Universitätsagenten hat. Wie gesagt, eine alte Geschichte: Franz, der Dozent verlässt Sabine, die Tomes verlassen hat und von ihm verlassen wurde. Teresa verlässt Tomes, weil sie seine Eskapaden nicht ertragen kann; sie kehrt in die Tschechoslowakei zurück. Er folgt ihr, die beiden verunglücken tödlich.

Neu ist dies unerträgliche Unglück, das aus dem Zeitgefühl der "unerträglichen Leichtigkeit" resultiert, mit der die Menschen ihr Leben führen. Neu und einmalig ist, dass Kundera die Liebesfluchten zwischen Prag und der Schweiz und zurück in eine der tragischsten Epochen der tschechischen Geschichte legt: in die Zeit des sowjetischen Einmarsches nach dem Prager Frühling von 1968. Die historische Finsternis korrespondiert mit der Sehnsucht der Figuren nach Leichtsinn und Lebensgier, die sie mit Schwermut und melancholischer Verzweiflung bezahlen.

Kunderas unnachahmlicher Sound, der der Welt auch mit einer scheinbaren Leichtigkeit auf den Grund geht, trägt das Sujet wie einen Unterhaltungsroman durch die (musikalisch) strenge Komposition. Das Kunststück: Kundera parodiert mit scheinbar kitschigen Mitteln den Kitsch.

Und: Er stellt in einem grandiosen essayistischen Einschub den real und brutal existierenden Sozialismus als Herrschaft des Kitsch dar. Kunderas ist eine der schlüssigsten ästhetischen Analysen sozialistischer (und auch faschistischer) Realitätsverleugnung. Sie ist "die absolute Verneinung der Scheiße."

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