Kultur : Vorgelesen: Kafkas "Das Schloss"

Die Ansichtskarte aus Friedland in Nordböhmen von 1911 zeigt ein verwinkeltes Schloss, das hoch über einer Feintuchfabrik auf dem waldigen Berg thront, es beherrscht die Fabrik und die geduckte Ortschaft. Hier war Franz Kafka im Januar und Februar 1911 im Auftrag seiner Firma, der Prager "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt" tätig. Das Bild ist düster, grau und kalt. Selbst wer das Friedländer Schloss nie gesehen hat, sieht es vor seinem inneren Auge, wenn er Kafkas Roman-Fragment "Das Schloss" liest, das der lungenkranke Dichter 1921 zu schreiben begann - in der Hohen Tatra, wo er sein Lungenleiden in einem längeren Urlaub kurieren durfte.

"Landvermesser" ist er im Buch, K. heißt er, und der erste Satz heißt: "Es war spät abend als K. ankam." Ankam? Das Buch schildert in bedrängend auswegslosen, abstrus komischen Szenen, wie der "Landvermesser" (eine Metapher für einen Schriftsteller, der das Seelenland vermisst, ausmisst) nie ankommt: Es ist der Roman einer gescheiterten Ankunft, in der das dumpfe Leben im Dorf unter dem Schloss, das seinen Glanz verbirgt und verschließt, die Bewohner schon nicht mehr nach oben streben und K. mit Misstrauen, Hohn und Feindschaft begegnen läßt. Gehilfen und Vermittler sind Feinde, Frauen Gefahren und Abwege, die Welt eine undurchschaubare, gnadenlos hierarchisch gegliederte Bürokratie.

Der Albtraum des zwanzigsten Jahrhunderts, hier wurde er mit schrecklicher Klarsicht vorausgeträumt, und dass der Roman Fragment geblieben ist, ein Torso, dessen Manuskript Max Brod zwei Mal (1924 und 1939) retten mußte, gehört zum Wesen dieses Universalromans auf engstem Raum, der so endet, nein, aufhört: "Sie reichte K. die zitternde Hand und ließ ihn neben sich niedersetzen, mühselig sprach sie, man hatte Mühe sie zu verstehen, aber was sie sagte..."

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