Kultur : Vorgelesen: Michael Kumpfmüllers "Hampels Fluchten"

Noch wird über Michael Kumpfmüllers ziemlich dickleibigen (500 Seiten) Roman "Hampels Fluchten" lebhaft gestritten, wobei seine Anhänger ebenso warm und herzlich in der Verteidigung wie seine Gegner heftig in der Ablehnung sind - kalt lässt der Roman eines kleinbürgerlichen Westentaschen-Casanovas und Bankrott machenden Bettenhändlers keinen. Noch wird darüber gemunkelt, auf welchem Protektionsweg der Erst-Roman des 1961 geborenen Münchners mit hoher Aufmerksamkeit lanciert wurde - als ob nicht jede Promotion recht wäre, wenn sie nur einem Buch zukommt, dass sie verdient und rechtfertigt.

Schon jetzt aber kann man (und möchte ich) sagen, dass "Hampels Fluchten" auf eine leichte und keinesfalls leichtsinnige Weise den deutschen Nachkrieg, die 50er Jahre in Ost und West episch beschwört, eine Zeit, die er als Flucht aus der sowjetischen Besatzungszone, nämlich aus Jena, in den Westen nach einer Deportierung nach der Sowjetunion beschreibt. Und dann als Flucht zurück in die DDR: Bettenhändler Hampel, bei Frauen meist erfolgreich und meist in der Bredouille (ein Thüringischer Belami), und geschäftlich als Bruder Leichtfuß ständig in der Klemme, flieht vor seinen Schulden und seiner Verantwortung zurück ins pofelige, stasibeherrschte Vaterland der Werktätigen.

Er hat viel Glück und noch mehr Unglück, nie Geld, landet auch in Bautzen im Gefängnis, wo es furchtbar zugeht - aber der Roman, reich an Zeitkolorit, Menschenkenntnis und Menschenliebe, zeichnet die Tragödie eines Stehaufmännchens - das ist nicht falsch tröstlich aber trostreich wahr: auch das schäbigste Leben lohnt sich - jedenfalls erzählt zu werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben