Kultur : Vorhang zu – für Michael Mathias Prechtls Welttheater

P.v.B.

Er war ein niederbayrischer Kraftkerl, der das Derbe und auch Obszöne wie der alte Hanswurst des Jahrmarktstheaters beherrschte – und zugleich konnte der Maler und Graphiker Michael Mathias Prechtl immer wieder mit feinstem, ironischstem, hintersinnigstem (und hintern-, schwanz- und busensinnlichem) Strich entzücken. So einer, der als bärtiger Kahlschädel mit schwarzglühenden Augen gleich Kohlen wie eine Mischung aus Rübezahl, Bauer und altem Hemingway aussah, so einer ließ sich allenfalls noch mit dem österreichischen Großkünstler, Urviech und fantasmagorischen Ungetüm Alfred Hrdlicka vergleichen. Das Komödiantische, das Faunische, das sexualrauschhaft Bacchantische und die Lust auch am Ausmalen von Opern, Dramen und modernen Mythen ist beiden gemein. Aber Prechtl ist jetzt tot. Wie seine Familie mitteilt, ist er bereits am letzten Mittwoch, 76 Jahren alt und schwer krank, in Nürnberg gestorben.

In Nürnberg, der Stadt Dürers, der dem Graphiker Prechtl das größte Vorbild war. Und mindestens im Handwerklichen war er so kunstfertig, dass seine eigene wiederholte Hommage an Albrecht D. keine kokette Selbstüberschätzung bedeutete. Dabei hat Prechtl Dürers Lehr-, Meister- und Wanderjahre in virtuosen Anspielungen auch auf die Nachwelt und Rezeptionsgeschichte gespiegelt: Mal gleitet „Dürer in Venedig“ auf einer Gondel mit einer botticellinisch-tizianischen Venus, mal blitzen Brüste unter Spitzen und tragen Genitale als rotgeile Nasen Sonnenbrillen und eine brabantische Dame mit Hitlerbärtchen und Hitleraugen schielt zum Künstler hinüber („Dürer in Antwerpen“).

Ja, Hitler. Er wächst auch aus Nietzsches Hinterkopf, der Gedankentäter Adolf H. – das war 1981 Prechtls berühmtes „Spiegel“-Titelbild für ein Stück politisch-philosophischer Wirkungsgeschichte. Und was Krieg, Gewalt und Jahrhundertgräuel angeht, stand Prechtl in der Nachfolge der zeitbissigen Illustratoren vor 1933. So hat er George Grosz im Bild verewigt, in Betrachtung des eigenen legendären Christus mit der Gasmaske am Kreuz, hat die großen Diktatoren Stalin und Hitler an dem Voltaire’schen Candide wie an einer Kasperlpuppe zerren lassen, hat in seinen Aquarellen, die sein Liebstes waren (oft auf altem Büttenpapier), die grotesk monströsen, tragikomische Tänze der Toten, der Mordlustigen, der Geilen und Grausamen aufgeführt. Immer mit einer eigenen Lust am Theatralischen, Barocken. An einem zeichnerischen Feuerwerk von Pointen, das mal eine Faust von außerhalb des Bildes auf eine Nase blutig niederfahren lässt, das nannte Prechtl dann „Bildhauerei“; oder de Gaulle ist in unseren französischen Phantasien unter anderem von einer Bardot-Odaliske à la Boucher umgeben, und in der Mitte ragt ziemlich phallisch ein Baguette empor. „Die Bewaffnung der Dritten Welt“ wiederum zeigt zwei blutrot barbrüstige, kindernackt schamhafte Frauen mit Indianerputz, denen eine weiße Hand eine Maschinenpistole reicht.

Immer wieder hat dieser Künstler in seinem Welttheater auch Genies wie Picasso, Kafka, Mozart (mit dem furzenden Hintern) auf die Bühne gebracht, hat den Kindsgreis Einstein (gestillt mit der Milch vom Busen der Wissenschaft) oder die bayrischen Landsleute Brecht, Oskar Maria Graf, Fassbinder und Kroetz in sein bildnerisches Panoptikum gestellt. Wir zeigen hier „Amor und Psyche untersuchen Dr. Freud“, ein Aquarell, Feder mit Sepia“ von 1984, das es gleichfalls zum seelenkundigen „Spiegel“-Titel schaffte – und all das ist auch nachzulesen und noch besser nachzusehen im wunderbaren Ausstellungskatalog des Deutschen Historischen Museums Berlin, das sich im Jahr 2000 für „Prechtsl Welttheater“ geöffnet hatte (Abb. Katalog).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben