Kultur : Vorhang zu

Guy Cassiers’ vierteiliger Proust-Zyklus in Berlin

Christina Tilmann

Die Erinnerung ist wie ein Vorhang, Verhüllung und Projektionsfläche zugleich. Man kann den Kopf hindurchstecken und schon erscheinen dort Schemen, Köpfe. Der Vater, die Mutter, der Erzähler selbst, damals in Combray: „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“. Später gelingt es einer, die Schwelle zu überschreiten: Gilberte, die Jugendgeliebte, zwängt sich durch die Lamellen, steht mit Indianer-Federhaube leibhaftig vor Marcel, dann wieder im Bild. Das Spiel des Annäherns und Sich-Entziehens findet auf verschiedenen medialen Ebenen statt.

Es ist ein Hightech-Proust, den der Rotterdamer Regisseur Guy Cassiers zur Eröffnung der diesjährigen Spielzeiteuropa im Haus der Berliner Festspiele zeigt. Ein Wahnsinnsunternehmen, schon jetzt von legendärem Ruf und preisgekrönt. Vier Teile, rund acht Stunden, und die 3000 Seiten der „Suche nach der verlorenen Zeit“ sind vorüber. Eine kluge Strichfassung schlägt Schneisen durch Prousts Weltentwurf: „In Swanns Welt“, „In Albertines Welt“, „In Charlus’ Welt“ und „In Marcels Welt“ heißen die Stationen. Man folgt den Protagonisten eher als dem Erzählfluss der sieben Bände.

Das ist in den schönsten Momenten: Hörtheater. Paul R. Kooij als Proust spricht die Eingangssequenzen zu „In Swanns Welt“, und man sieht nur sein Gesicht auf der Leinwand. Die Sonate von Vinteuil, Swanns Tod vor Vermeers „Ansicht von Delft“, diese Texte sind nicht kleinzukriegen, nicht von einem Streichquartett, auch nicht von einer entfesselten Kamera, die meint, Swanns Sturz im Museum noch visuell nachzeichnen zu müssen. Zumeist jedoch dominiert die Technik: Kameras filmen die Darsteller hinter dem Vorhang und projizieren sie von vorn wieder darauf. Schriftzüge erscheinen: „Ihre Augen. Seine Augen. Stille“. Was bei der New Yorker „Big Art Group“ zu einem raffinierten Spiel mit Fiction und Realität führt, erschöpft sich hier im simplen Abbild. Selten nur, wenn die Bilder von Odette und Mme Verdurin sich in Farbnebeln auflösen, wenn Bilder stehen bleiben und die Schauspieler in ihr Konterfei hineinspielen, ergibt sich eine impressionistische Note, die Prousts Sprachwelt spiegelt. Ansonsten jedoch dient die Installation nur dazu, größtmögliche Distanz zwischen Zuschauer und Schauspieler aufzubauen. Mikroports, Mikrofone, Projektionen: Es liegt eine metallische Kälte über dem Abend. Von Prousts so besessener wie elegischer Erinnerungsarbeit ist das weit entfernt.

„In Marcels Welt“: heute, 20 Uhr, Haus der Berliner Festspiele.

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