VORHER Nachher (2) : Das Spiel und die Götter

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In diesen Tagen ist Zeitenwende. Das alte Jahr macht sich davon, das neue macht von sich reden. Gute Gelegenheit, über Höhepunkte und Tiefpunkte nachzudenken.

Was war das für ein Wahnsinn, so kurz vor Weihnachten, auf Schneematschboden. Man denkt schon nicht mehr an Fußball, und zwei Mannschaften arbeiten an einer Legende. Es gibt Spiele, da schauen die Fußballgötter zu, und wir schauen ihnen zu, wie sie würfeln, sich amüsieren, in Menschentrikots schlüpfen, wie sie den Platz aufmischen: Hier ’ne rote Karte, da ein Elfer, verschossen, einen Verteidigerblackout am eigenen Strafraum, Tore wie Sterntaler. Die Geburt eines Klassikers.

Zwei Mal Stuttgart gegen Bayern, 3:5 am Sonntag in der Liga, mittwochs drauf im Pokal an gleicher Stelle mit mehr oder weniger gleicher Besetzung ein 3:6; also eigentlich noch einmal ein 3:5, weil das letzte Bayerntor durch Klein-Ribéry mit dem Kopf erzielt wurde. Das ist in der Fußballregie nicht vorgesehen, das gab’s noch nie. Dass auch noch Schweinsteiger, der faire Krieger, gegen den Platzverweis seines Gegenspielers protestiert.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. In Stuttgart hat sich der müde, alte Spruch unwiderstehlich verjüngt. Da wurde gestritten, gelitten, gehofft, als gäbe es kein nächstes Mal – und dann doch ... und noch dramatischer. Die erste Niederlage mussten die Stuttgarter als Klatsche abbuchen, die zweite konnten sie feiern wie einen Sieg, jedenfalls moralisch.

Immer besser scheitern, sagt Samuel Beckett. Er war ein leidenschaftlicher Billardspieler. Es ist das Prinzip aller Kunst, sollte es jedenfalls sein, wenn Schauspieler, Tänzer, Musiker auf die Bühne gehen. Stuttgart 35 bzw. 36 bedeutet freies Spiel der Kräfte, ist das Gegenteil jenes Sicherheitsdenkens, das sonst wie Mehltau über den Dingen liegt.

Oder spielten die beiden Mannschaften deshalb so entfesselt auf und nieder, weil es zwei Begegnungen binnen weniger Tage gab? Sollte man auch im Fußball den Eishockeymodus best of five einführen? Wie im antiken Athen, wo es Dramen nur serienweise zu sehen gab, Komödie eingeschlossen?

Jetzt ist Winterpause, man befindet sich in einem langen Danach, das Davor ist groß, aber noch weit entfernt. Jetzt kommt überhaupt einmal alles zu einem gefühlten Stillstand. Genau das ist in Stuttgart geschehen, im zweiten Spiel mehr noch als im ersten: Die Zeit springt auf eine andere Ebene, man glaubt zu halluzinieren, als befände man sich im Zustand totaler Übermüdung, Euphorie macht sich breit, selbst beim Verlierer. So geht es zu, wenn Götter mitspielen, wenn es ihnen gefällt.

Was bei einem sterblichen Fußballer eine Zerrung ist – bei den Olympiern ist es eine Schwangerschaft. Zeus, der ewige Fremdgänger, hat seinen Sohn Dionysos im Oberschenkel eingenäht und ausgetragen. Dionysos, den Gott des Rauschs.

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