VORHER Nachher (3) : Die eigene Spur

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In diesen Tagen ist Zeitenwende: Das alte Jahr macht sich davon, das neue macht von sich reden. Gute Gelegenheit, über Höhepunkte und Tiefpunkte nachzudenken.

Nachher ist vorher, das kennt man. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, heißt es, wenn es um die abgehakte und die nächste Aufgabe geht. Immer wieder Anläufe, immer wieder der schöne Hunger auf Zukunft.

Aufregender zu denken aber ist das Gegenteil: Wie oft ist vorher schon nachher? Wie oft steckt selbst im Bevorstehenden schon der Vollzug? Braucht es da das Zwischendurch überhaupt, wenn sich vorher schon das Nachher fühlen lässt?

Zum Beispiel der Urlaub. Das Jahr über macht man Umsatz, dann macht man Urlaub. Sogar die einzig verbleibende Zeit organisiert man bloß. Sucht sich ein festes Ziel (oder hat jedes Jahr dasselbe), vergleicht im Internet Angebote und Kommentare, guckt das hochgeladene Video irgendeiner Karola vom Balkon Nr. 123 mit Blick auf Palme und Pool. Dann wird gekauft – und am Ort die Ware peinlichst mit der Verheißung verglichen.

Kein Wunder, dass sich vorher schon das Nachher ahnen lässt. Etwa Tag drei wieder im Job. War da was? Außer dass man gesichtstechnisch frisch gestrichen daherkommt, aber steckte nicht auch die Urlaubsbräune schon im Basispreis?

Eine prima Alternative wäre das Reisen. Also: nicht das Produkt, sondern der Prozess. Gewiss, es ist nicht einfach, das Gefühl dafür in der Arbeitsidentität zu bewahren, mit ihrem unbarmherzigen Anfang und Ende für jede Zeit. Nicht einfach auch, die Kraft dafür aufzubringen, wenn man bloß loslassen will – und Reisen fordert viel Kraft, bevor es welche gibt. Nicht einfach, immer neugierig zu bleiben auf das Unvorhersehbare.

Trotzdem. Und es braucht nicht einmal viel für den Anfang. Bloß richtig unterwegs sein, auch bei festem Hin- und Rückreisetermin. Also nur die ersten zwei Nächte fest buchen, in größerer Ferne besser drei. Dann aufbrechen. Landkarten erst unterwegs kaufen und darin nach der Schönheit von Zwischenzielen stöbern. Nicht so viel in Reiseführer gucken, sondern Leute aus der Fremde um Rat fragen, Flops eingeschlossen. Die Hotelzonen verlassen. Sehenswürdigkeiten eher meiden. Hier einen Tag länger bleiben und dort zwei.

So etwa ließe sich der Urlaub in das zurückverwandeln, was auch er eigentlich bedeutet: eine Reise. Schon bewegt man sich nicht in der riesigen ausbetonierten Fußspur eines allseits erschlossenen Zielgebiets, sondern viele feine Spuren kreuzen den Weg, werden weniger, schließlich prägt man eine eigene Spur. Macht nichts, wenn sie verweht.

Vor der Reise ist nicht nach der Reise. Vorher war vorher. Und nachher ist unvermeidlich nachher. Aber jetzt ist jetzt.

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