VORHER Nachher (4) : Die letzte Zigarette

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In diesen Tagen ist Zeitenwende: Das alte Jahr macht sich davon, das neue macht von sich reden. Gute Gelegenheit, über Höhepunkte, Tiefpunkte und Vorsätze nachzudenken.

Das Rauchenaufgeben ist der Michael Schumacher unter den Neujahrsvorsätzen. Als ewiger Rekordhalter anerkannt, aber wenig beliebt. Aufhören in zehn Schritten oder in 90 Minuten, mit Nikotinpflaster, Akupunktur oder Meditation – den Weg vom Raucher zum Nichtraucher ebnet längst eine ganze Industrie, er ist Mythos, Metapher, Marathonstrecke. Körperliche Abhängigkeit, langjähriges Suchtmuster und die emotionale Beziehung zur Zigarette sind bei vielen die jeweils letzten Laster ihrer Art. Die gibt man nicht gern auf. Von den Tücken im sogenannten Erfolgsfall hört man allerdings eher wenig. Womit nicht die Tabaksteuerausfälle gemeint sind oder geplagte Manager von Zigarettenkonzernen, die ihren Kindern wegen der jährlichen Januarkrise das Taschengeld kürzen.

Wirklich kritisch wird das Nein zur Zigarette, weil die realen Probleme dann nicht mehr kaschiert werden. Ohne umhüllenden Rauch erscheinen sie in neuer, gnadenloser Klarheit. Als Bart Simpson sich in einen Vampir verwandelt, sagt seine Mutter Marge: „Homer, wir müssen etwas unternehmen. Heute saugt er den Leuten das Blut aus, und morgen fängt er noch an zu rauchen!“ Die schlimmste aller Gewohnheiten: Normalerweise ist sie in ein ganzes Geflecht persönlicher Unzulänglichkeiten eingebettet, pünktlich zum Jahresende erscheint sie jedoch als die fundamentale Ich-Schwäche, als das Problem schlechthin. Und so himmelhoch jauchzend der neue Nichtraucher seinen Vorsatz angeht, so zu Tode betrübt wird er feststellen, dass der ungeliebte Job und die vergeblich geliebte Frau sich weiterhin als scheinbar unüberwindbare Hindernisse auf dem Weg zum Glück vor ihm auftürmen.

Die zwei nun dauerhaft freien Hände für die überfällige Renovierung nutzen? Statt der Zigarette einen Stift in die Hand nehmen und Poesie produzieren? Der Begegnung mit einer schönen Unbekannten im Raucherzimmer Kontaktversuche beim Joggen vorziehen? Nur wer beizeiten sein persönliches Konjunkturpaket schnürt, kann rauchfrei inneres Wachstum ankurbeln. Vielleicht trägt der Vorsatz seinen Namen auch deshalb, weil er sich vor die wichtigen Themen drängt. Und auch der allerhehrste Vorsatz braucht Gesellschaft, steht er auf dem Olymp der Selbstverbesserungsmaßnahmen doch recht einsam da. Das wird auch Michael Schumacher bestätigen können.

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