Vorher Nachher (5) : Was bleibt vom Sex

Andreas Schäfer beobachtet ein Ehepaar im Skiurlaub.

von

Draußen strahlte der Wintertag, und im ersten Moment war sie so verwirrt, dass sie nicht mehr wusste, wie sie auf die Idee hatte kommen können, schon am frühen Vormittag den Fernseher einzuschalten. Sie saß in voller Skimontur auf dem Rand des Sofas und starrte auf den Bildschirm, während Georg auf der Suche nach seiner Gletscherbrille zum dritten Mal die Kommodenschubladen im Flur durchwühlte. Es fiel ihr wieder ein: Sie hatte mit den Stimmen aus dem Fernseher sein Fluchen übertönen wollen.

Erst als die Tänzerin zum dritten Mal im Bild erschien, begriff sie, dass es ihre eigene Tochter war. Sie presste die Hand auf den offenen Mund, um nicht zu schreien. Susanne, die seit acht Jahren weder auf Briefe noch Anrufe reagierte und nur zu Weihnachten wie immer eine Karte geschickt hatte, auf der wie immer nur ein einziges gestempeltes Wort stand: Lebenszeichen. Susanne, ihre Jüngste, die offenbar in einem Hamburger Club als Burlesketänzerin arbeitete und – eine verschlungene Tätowierung auf der nackten Schulter – vor weinrotem Samthintergrund mit der ihr eigenen Heiterkeit davon sprach, dass es ihr Spaß mache, sich vor anderen zu zeigen. Susanne trug eine Frisur mit viel Haarspray, die an Filmfrisuren aus den vierziger Jahren erinnerte. „Mich zu zeigen“, sagte ihre Tochter wieder und lachte, als sei sie davon selbst überrascht.

Tränen der Wut und des Selbstmitleids schossen ihr in die Augen, die sie sofort wegwischte, denn jetzt war zu sehen, wie Susanne tanzte. Auf einer Bühne mit einer Stange bewegte Susanne sich in einem eng geschnittenen Kostüm, aus dem sie sich langsam entblätterte. Es war wie Striptease, nur koketter, schmollmundiger, gezierter. Am Ende sah man die entblößten Brüste mit silbernen Sternchen auf den Brustwarzen. Mit den Oberarmen presste Susanne ihre Brüste zusammen, schüttelte sie kurz und machte dazu ein kieksendes Geräusch.

Der Zusammenschnitt dauerte vielleicht zwanzig Sekunden, zwanzig Sekunden, nach denen sie sich erschöpft fühlte wie ein Kind, das lange geweint hatte. Sie schaltete den Fernseher aus. Sah hinaus auf das atemberaubende Alpenpanorama. Nach einer Ewigkeit stand Georg in der Tür, hielt ihr vorwurfsvoll die Sonnenbrille hin. Ein Hosenträger seiner Schneehose war heruntergerutscht. Sein weißes Haar stand in alle Richtungen ab, weil er sich während der Suche die Mütze vom Kopf gerissen hatte. Er wurde bald siebzig und weigerte sich noch immer, von der Piste auf die Loipe zu wechseln. Plötzlich hatte sie Angst um ihn.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben