Kultur : Vorhof zur Ruhe

ANDREAS KRIEGER

Sieht so ein Engel aus? Nur die schmutzigen Flügel des kantigen, kleinen Mannes deuten darauf hin, daß er ein überirdisches Wesen ist.Mit sanfter Stimme und in Reimen trägt Uwe Meyer die Geschichte von Josef und Maria vor - die Geschichte einer grausamen Verfolgung.Vor 2000 Jahren soll sie sich zugetragen haben, doch die Geschehnisse in Serbien, im Kosovo verleihen dem Thema eine beklemmende Aktualität.

Lukas Langhoff hat mit dem "Modernen Krippenspiel" des 1985 verstorbenen polnischen Dramatikers Ireneusz Iredynski ein grausam-zynisches Stück für unsere grausam-zynische Zeit auf die Bühne des Berliner Teatr Kreatur gebracht.

In einem Konzentrationslager proben die Häftlinge ein Krippenspiel.Mit den Schuhen vergaster Kinder formen sie zwei hufeisenförmige Halbkreise auf den Boden: die zwei Bühnen - den Palast des Herodes, den Stall zu Bethlehem.Die Schuhe sind die einzigen Gegenstände in der leeren Halle, die sich jedem Anflug von Lager-Romantik verwehrt.Rote und weiße Neonlampen beleuchten den Raum.Ein Gemälde mit rennenden Sportlern hängt an der Rückwand, vielleicht als Erinnerung an friedliche Zeiten, in denen man seinen Körper noch zum Vergnügen erschöpfte.RUHE steht in Großbuchstaben an der Theke, ein Appell an die Gefangenen, aber auch sarkastischer Hinweis darauf, daß dies hier der Vorhof zur ewigen Ruhe ist.Hinter den Türen wartet nicht die Freiheit, sondern der Tod.

Mit steifen Bewegungen kämpfen sich die namenlosen Häftlinge über die Bühne.Ihre emporgestreckten Fäuste verwandeln sich in betende Hände, werden wieder zu Fäusten.Es gibt kein Entkommen aus dem endlosen Reigen von Haß und Angst, Wut und Verzweiflung.Dann der Ruf: "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" Niemand! Wenn er aber kommt, kann keiner davonlaufen.

Der schwarze Mann ist der Kommandant mit kahlem Kopf.Peter Lewan spielt den Sadisten - und reizt das Darstellungsspektrum der Rolle voll aus: unbarmherzig, unmenschlich, brutal.Die Gefangenen müssen sich vor ihm in einer Reihe aufstellen, keiner darf atmen."Könnt ihr leiser sein?" brüllt der Kahlkopf, während sein hündischer Soldat - wieder Uwe Meyer, statt Flügel trägt er einen Stahlhelm - das Geschlecht der Häftlinge geil befummmelt.Die beiden unterbrechen immer wieder das Theaterspiel der Häftlinge, um sich auszusuchen, wen sie quälen können."Du wirst gebraucht", lockt der Kommandant ein Mädchen nach draußen.Als sie wiederkommt, zittert sie am ganzen Körper, ist ihr Schoß von Blut getränkt.

Sadismus, pausenlos.Mitten in der Nacht weckt der Kommandant seine Gefangenen, damit sie für ihn spielen."Wir sind doch alle Künstler", säuselt er, Freundschaft heischend.Doch er ist kein Freund.Er ist der Tod.Den erschöpften Regisseur (undurchschaubar: Matthew Burton), der den Kommandanten einst in seinem Kabarett als Schauspieler beschäftigte, schickt er in die Gaskammer.Der Mörder spielt eine traurige Geigenmelodie, während sein Opfer qualvoll erstickt."Wie langweilig", seufzt der Kommandant, während das Gas leise weiter rauscht.

Erst kurz vor dem Ende offenbart er seinen Häftlingen, daß er selbst das Krippenspiel geschrieben hat.Das Theater - das letzte Stück Freiheit der Gefangenen - ist nur eine Inszenierung des Kommandanten gewesen: "Ich weiß nun, was es heißt, ein Gott zu sein." Als die Gefangenen begriffen haben, daß sie nicht überleben werden, gehen sie entschlossen in das Gas.

"Modernes Krippenspiel" ist ein Stück über Macht und Unterdrückung, über dumpfen Haß und seine Opfer.Ein Stück über die Wirklichkeit.

Teatr Kreatur, Tempelhofer Ufer 10, wieder 22.- 25., 29.und 30.April, jeweils 20 Uhr

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