• Vorschau: All that Jazz: Christian Broecking über den Sound der Hoffnung in Zeiten des Hasses

Kultur : Vorschau: All that Jazz: Christian Broecking über den Sound der Hoffnung in Zeiten des Hasses

"Heute kein Programm", sagt der Manager des Blue Note Clubs im New Yorker Village mit ernster Stimme. Sein "Vielleicht eröffnen wir morgen wieder, Charles ist jedenfalls in der Stadt", klingt seltsam abwesend. Ratlosigkeit hat auch das kulturelle Leben der Jazzmetropole nahezu zum Erliegen gebracht. Musiker äußern in diesen Tagen den dringenden Wunsch zu spielen, Hoffnung flammt kurz auf, oder wenigstens doch der Glaube daran, irgendwie etwas Positives geben zu wollen und zu können. Ein kleines Zeichen aus Sound. Der amerikanische Saxofonist Charles Lloyd hätte in diesen Tagen im Blue Note spielen sollen, auf seiner gerade eben erschienenen CD "Hyperion With Higgins" (ECM) erzählt Lloyd von der Schönheit, die in der Musik ist, mit der er aufwuchs. Lester Young, Billie Holiday, Charlie Parker, Duke Ellington und John Coltrane - seine Helden und Heiligen. Diese CD ist dem Schlagzeuger Billy Higgins gewidmet, der im Mai verstarb. Higgins wirkt an über 700 Platten mit und diese war eine seiner letzten Aufnahmen. Spirituelle Musik, tief und warm.

Wie das europäische Pendant zu Lloyds Musik klingt die des polnischen Trompeters Tomasz Stanko, seine Aufnahmen der letzten Jahre zählen ebenfalls zu den ausgesprochenen Highlights des ECM-Katalogs, Stanko spielt heute im A-Trane (Beginn 22 Uhr).

"I Talk With The Spirits" war 1964, wenige Monate nach der Ermodung John F. Kennedys, die Message des Multinstrumentalisten Roland Kirk, der sich später "Rahsaan" taufte, und "A Love Supreme" die des Saxofonisten John Coltrane. Kirks Flötensound war kräftig und voll wie selten im Jazz - Kirk spielt auf dieser Platte ausschließlich diverse Flöten - allein der für den sonst eher extrovertierten Musiker extrem in sich gekehrte Titelsong provoziert eine schwebende Stimmung, Kirk wähnt sich hier inspiriert vom Gesang eines Kirchenchores. Die Auseinandersetzung mit der Kirche als Synonym für die Vergewisserung und Bewahrung der eigenen Geschichte und als historischer Hoffnungsträger ist ein immer wiederkehrendes Motiv in den Kompositonen afroamerikanischer Musiker. Eine spirituelle Erleuchtung hätte ihn 1957 zu einem reicheren, produktiveren Leben geführt, schrieb Coltrane 1964 in den Liner Notes zu seinem einflussreichsten Werk "A Love Supreme". Coltrane, der am kommenden Sonntag 75 Jahre alt geworden wäre, formulierte hier sein Glaubenbekenntnis und schließlich das einer ganzen Musikergeneration, die fasziniert die Alles-ist-Eins-Religiosität des Buddhismus und Hinduismus feiert, den persönlichen Christengott jedoch als mindestens gleichberechtigte Inspirationsquelle respektiert. Diese Plattenaufnahme, die bis heute über eine Million Mal verkauft wurde, zählt zu den ehrlichsten Statements des Jazz, kein Imitat und Sampling vermochten je die Wirkung des Originals zu schmälern. "A Love Supreme" ist zum Inbegriff von zeitloser jazzmusikalischer Schönheit geworden, religiöse Deutungsmuster sind nicht nötig, um diesen vierteiligen Gesang auf die Würde des Menschen und den respektvollen Umgang der Menschen miteinander zu hören und zu lieben.

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