• Vorschau: All That Jazz: Christian Broecking über ein Erbe, das man mit den Augen hört

Kultur : Vorschau: All That Jazz: Christian Broecking über ein Erbe, das man mit den Augen hört

Er habe viel aus Ken Burns "Jazz"-Filmen gelernt, sagt Herbie Hancock: "Doch teilweise hatte ich den Eindruck, dass einige Dinge übertrieben werden, speziell was den Zusammenhang zwischen Jazz und Rassismus betrifft." Der Dokumentarfilmer wollte mit seiner 19-stündigen Serie vor allem die Rassenbeziehungen im Amerika des 20. Jahrhunderts erhellen, sagt hingegen Wynton Marsalis, der Chefberater. Mit guten Quoten lief die Serie Anfang des Jahres im amerikanischen Fernsehen, gestern Abend hat Phoenix nun eine synchronisierte Fassung gestartet. In 12 Teilen wird die umstrittene Filmreihe in den kommenden Wochen dort ausgestrahlt. Im zweiten Teil (Sonnabend, 20 Uhr 15) geht es um die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Schwarz-Weiß-Fotos und alte Filmaufnahmen geben Aufschluss darüber, in welchem sozialen Klima der Jazz in New Orleans gedieh.

"Ich war sehr überrascht, dass den bereits verstorbenen Helden des Jazz soviel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, während viele der noch Lebenden, die Jazzgeschichte gemacht haben, gar nicht interviewt wurden", kommentiert Herbie Hancock. Tatsächlich wird ein Großteil von "Jazz" auf die Biografien von Louis Armstrong und Duke Ellington verwandt. Dass der Eindruck entstehe, der Jazz gehöre ins Museum, verfehlt die Sache. Schließlich geht es um nichts anderes als die Geschichte einer einst in den USA sehr populären Musik.

Zudem kommen nicht nur Marsalis und seine Clique zu Wort, auch wenn deren Wahrnehmung deutlich im Zentrum steht. Der langjährige Marsalis-Widersacher Gary Giddins, Jazzkolumnist der Wochenzeitung "Village Voice", ist ebenfalls vertreten. Er ist Armstrong-Experte, und er war es auch, der dessen Geburtsdatum neu datierte, was dazu führte, dass Armstrongs 100. Geburtstag sowohl im Juli des vergangenen als auch im August dieses Jahres gefeiert wurde.

Treffpunkt Chicago

497 Songs, 2000 Filmausschnitte und Fotos wurden von Burns für "Jazz" ausgewählt, unter den 75 Interviewpartnern findet sich auch der Trompeter Lester Bowie, der aus seiner Gegnerschaft zur neokonservativen Marsalis-Connection nie ein Geheimnis machte. Im zweiten Teil von "Jazz" erzählt Bowie, dass Louis Armstrong einst sein Idol war. Bowie selbst habe immer am offenen Fenster geübt, weil er darauf gehofft habe, dass Louis Armstrong eines Tages vorbeikommen, ihn hören und engagieren würde. Dazu sei es aber nie gekommen. In "Jazz" wird Armstrong als Bote Gottes gefeiert, und Giddins sagt, Armstrong sei der Bach der amerikanischen Musik. Auch der afroamerikanische Publizist Stanley Crouch schwärmt von der unbändigen Energie, mit der Armstrong spielte, "die Trompete verlangt Opferbereitschaft". Armstrongs Mutter war 16, als er geboren wurde, und die Gegend, in der er zur Welt kam, galt als so gefährlich, dass man sie auch "das Schlachtfeld" nannte. Armstrongs Mutter war Prostituierte, auch seine erste Frau war zeitweilig in dem Gewerbe tätig gewesen. Wir erfahren, warum Armstrong zeitlebens einen Davidstern an seiner Halskette trug, und wie ein Telegramm, die noch junge Welt des Jazz verändern sollte, Text: "Treffpunkt: Chicago".

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