• Vorschau: All That Jazz: Christian Broecking über einen der aufhört, selbstzufrieden zu sein

Kultur : Vorschau: All That Jazz: Christian Broecking über einen der aufhört, selbstzufrieden zu sein

Der "Work Song", von dem derzeit über 150 verschiedene Versionen auf dem Markt sind, war Nat Adderlys größter Hit. Er gehörte für Jahrzehnte ebenso zu seinem täglichen Repertoire wie die Anekdoten, die er über die Wirkungsgeschichte des Titels unablässig zu erzählen wusste. Der Titel war synonym für die Lieder, die schwarze Sklaven und Strafgefangene einst bei der Zwangsarbeit sangen, das musikalische Thema, ein eingängiger Call-and-Response-Chorus, symbolisierte das Verlässliche der schwarzen Erfahrung, die Stimmung, den Geruch, den Geschmack, den Sound, das Greifbare afro-amerikanischer Alltagsgeschichte, die Hauptbestandteile der oralen Tradition. Nat Adderley spielte den "Work Song" 1960 unter eigenem Namen als Titelstück der gleichnamigen LP ein. Herb Alpert erreicht mit seiner Version im Juli 1966 sogar die amerikanischen Pop-Charts. Wenn die Platten, die Nat Adderley im Schatten seines Bruders Julian Edwin, genannt Cannonball, aufnahm, je spektakulär waren, dann auf eine eher sehr leise Art. Nat Adderley war und blieb der Kornettist und zweite Frontmann der Cannonball Adderley Band, und das weit über den viel zu frühen Tod seines Bruders vor 26 Jahren hinaus. Die eigenen Bands, die er bis zu seinem Tod im Januar 2000 leitete, nährten sich wesentlich vom Material des in den sechziger Jahren bewährten Repertoires. Und die jungen Altsaxofonisten, die Nat Adderley engagierte, sollten oder wollten alle so klingen wie sein Bruder es einst tat.

Der heute 36-jährige Altsaxofonist Vincent Herring kam 1983 nach New York und spielte von 1987 bis 1993 in der Band von Nat Adderley, mit ihm nahm er auch eine ganze Reihe Platten auf. Der "Work Song" wurde für ihn zum meistgespielten Titel jener Jahre. Eine Hommage an seine Neighborhood zwischen Sterling Place und Flatbush im New Yorker Stadtteil Brooklyn nahm Herring vor zwei Jahren mit Ronnie Matthews und Carl Allen auf: "Sterling Place All-Stars". Heute spielt Vincent Herring in einem Sondereinsatz im Englischen Garten, hinter dem Schloss Bellevue (Beginn 16.30 Uhr).

Das jüngste Berliner Konzert von Saxofonist James Carter rief gemischte Gefühle wach - kam da nun die Zukunft des Jazz vorbei oder nur eine uninspirierte Band mit einem Leiter, der sich zunehmend in seinen manieristischen Kunststückchen verliert? Nicolas Klotz hat einen Film über den energiegeladenen Musiker gedreht, der Antworten geben könnte. Arte zeigt "James Carter" am Samstag um 0 Uhr 40.

Bei seiner letzten Tour hatte Carter Musiker aus dem Netzwerk des Saxofonisten Greg Osby dabei, und die schaffen nun auf dessen am Montag erschienener CD "Symbols Of Light (A Solution)" (Blue Note) eine ganz unerwartete Stimmung. Eine Platte für die Insel. Osby ist der Frage auf der Spur, wie sich die amerikanischen Improvisationsstile und westeuropäische Traditionen miteinander verbinden lassen und kommt auf verblüffende Lösungen. Kooperation, Experimentierfreude und interdisziplinäre Offenheit sind seine Schlüsselworte. Osby hat in den vergangenen Jahren auch Aufnahmen mit dem Pianisten Andrew Hill und dem Gitarristen Jim Hall gemacht. Für den heute Einundvierzigjährigen entpuppte sich das Zusammentreffen mit diesen Musikern als eine Lehrstunde in Sachen Sound, Originalität und Wirksamkeit. Dass Osby seit dieser Erfahrung das Wort Selbstzufriedenheit aus seinem Vokabular zu streichen versucht, gehört wohl zu den verblüffendsten Auskünften, die ein Jazzmusiker je von sich gab. Aber hören Sie selbst!

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