Kultur : Vorschau: All That Jazz

In der New Yorker 55 Bar gibt es in diesen Tagen keinen Mike Stern. Dafür aber den Saxofonisten Chris Potter, der jüngst bei Verve eine schöne Platte mit dem Titel "Gratitude" herausgebracht hat. Den Geiger Billy Bang können Sie nach seiner Rückkehr in die Jazzmetropole auch häufig in der 55 Bar treffen, vor und auf der improvisierten Bühne. Gestern Nacht spielte er dort mit der Billy Bang Blues Band. Für drei Dollar Eintritt und einen Drink kann es sich schon mal lohnen, die Stufen in diese Souterrain-Kneipe hinabzusteigen. Dass auch Cecil Taylor dort regelmäßig an der Bar sitzt, liest sich auf der Website zwar ganz gut, ist aber falsch. Leni und Mike Stern hingegen nutzen die 55 Bar seit Jahren als Probebühne, sie wohnen gleich um die Ecke und ihre wöchentlichen Auftritte dort sind mittlerweile Institution. Mike Stern wird in seinem Stammclub im New Yorker West Village aber erst am 7. Mai zurückerwartet, denn bis dahin ist er in Europa auf Tour. Am Freitag spielt er für Gitarrenfreaks und Miles Davis-Sammler im Quasimodo (Beginn 22 Uhr 30).

Der Saxofonist Dave Binney spielte am Montag in der 55 Bar mit seiner eigenen Band und von Dienstag bis heute im Village Vanguard im Quartett des Gitarristen Jim Hall. Das Village Vanguard hat alle überlebt - seinen Gründer Max Gordon ebenso wie jenen Musiker, der einst im Zuge zäher Gagenverhandlungen mit seiner Faust ein Loch in die Decke rammte. Die Rede ist von Charles Mingus. 123 Zuschauer passen in den von Lorraine Gordon geführten Kellerclub, der durch kompromisslose Programmpolitik und so genannte Wochengigs zum Muster für engagierte Jazzclubbetreiber in der ganzen Welt wurde. Für die Musiker birgt die Möglichkeit, von Dienstag bis einschließlich Sonntagabend in dem selben Club spielen zu können, ungeahntes Entwicklungspotential. Das ist ein Klima, in dem die wichtigen Live-Aufnahmen des Jazz entstehen.

Das A-Trane versucht nun in dieser Woche, an diese Tradition anzuknüpfen. Die Band der Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington wird von Mittwoch bis Freitag in dem führenden Berliner Jazzclub gastieren. Von Sonny Rollins bis Pharoah Sanders und Wayne Shorter - sie begleitet die Superstars des modernen Jazz, zuletzt reiste sie in der Band von Herbie Hancock nach Berlin. Mit ihr kommen die Pianistin Geri Allen, die ja gerade erst mit eigenem Trio im Quasimodo gastierte, und der Saxofonist Gary Thomas, der in Jazzkreisen sehr gefördert wurde, als er mit Miles Davis und Pat Metheny spielte.

Es fällt schwer, auf Anhieb einen zweiten afroamerikanischen Musiker zu nennen, der es schaffte, sein Publikum derart schnell zu verspielen, wie es einst Gary Thomas in Berlin gelang. Die Gary Thomas Story, die in den neunziger Jahren im Quasimodo geschrieben wurde, wo er diverse Male auftrat, endete sprichwörtlich im leeren Raum. Seine Vorstellung von radikaler und zeitgemäßer Black Music fand weder in den USA noch hier ihre Hörer. Als er seine Jazzgruppe gegen eine Hardcore-Electric-Band eintauschte und über die Belange der Schwarzen rappen ließ, wirkte das damals nur laut, aggressiv und sehr gestelzt. Den Preis dafür zahlt der beeindruckende Saxofonist heute noch, für Plattenfirmen wie Clubbetreiber wurde er zum Geschäftsrisiko. Seitdem ist er als Sideman unterwegs, und so kommt er nun mit Terry Lyne Carrington nach Berlin. Ein ähnlich spannendes Projekt hatte die hiesige Clubszene seit langem nicht im Angebot.

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