Kultur : Vorschau: All That Jazz

Es ist ein Skandal, wie sich der Berliner Senat in Sachen Jazz aus der Verantwortung zieht. Als Günther Huesmann, künstlerischer Leiter des "Jazz Across The Border"-Festivals, im April erfuhr, dass ihm 36 500 Mark fehlen würden, war die Konzertreihe bereits weitgehend vorbereitet. Der Senat hatte den zunächst zugesagten Zuschuss von 62 500 Mark kurzerhand zusammengestrichen, mit der Begründung, dass das Haus der Kulturen der Welt (HKW) fortan Bundesangelegenheit sei. Da "Jazz Across The Border" aus dem Senatstopf "Sonderprojektförderungsmittel" subventioniert wurde, und der Bund noch keine entsprechenden Mittel für das kommende Jahr zugesagt habe, ist "Jazz Across The Border" nach Einschätzung des Hauses hochgradig gefährdet.

Dass das Festival in abgespeckter Version doch noch stattfinden konnte, ist Huesmanns Kampfgeist zu verdanken. Dennoch hat er sich nach elf Jahren als Festivalleiter zurückgezogen. Vielleicht auch, weil es ihm trotz seiner beharrlichen Arbeit nicht gelang, "Jazz Across The Border" zu einem finanziell gepolsterten Groß-Event zu machen. Auch Verschwörungstheorien geistern durch die Szene. Etwa, dass der Bund seine Jazz-Aktivitäten auf das Festspielhaus konzentrieren will, nur das kann und will der Intendant der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, nicht bestätigen. Im Gegenteil. Sartorius zufolge könnte Berlin viele und viel mehr Jazz-Veranstaltungen vertragen, das Jazzfest fürchte da keine Konkurrenz. Gegebenenfalls könne er vielleicht durch das neue Jazzfest-Prinzip der rotierenden Kuratoren eine Programm-Lücke schließen. Dass der Jazz durch Huesmanns Weggang im HKW an Lobby verliert, ist offensichtlich. Jürgen Maier, kaufmännischer Geschäftsführer des HKW, wagt schon die Bedarfsfrage: Reichen nicht "Jazz in July" und "Blue Nites" als Sommerjazzveranstaltungen aus? Schließlich pflege man im HKW ja noch den "Back Room", der auf die Einbindung der Berliner Szene setzt. Das entsprechend klein und preiswert. Der Jazzredakteur des SFB, Ulf Drechsel, sieht im Ende von "Jazz Across The Border" jedenfalls einen großen Verlust, auch wenn das Programm zunehmend folkloristische Züge trug "und das Konzept nicht immer aufging". Doch Kritik belebt das Geschäft, nicht der Konkurs.

Ein Umdenken in der Jazzpolitik des Senats ist gefragt. Als das zuständige Sachreferat im Februar zu einer Fachdiskussion über die Senatssubventionen in Sachen Jazz einlud, hörte Huesmann zum ersten Mal von einer möglichen "Umleitung" der Festivalgelder. Träge wacht der Amtsschimmel über den Jazz in dieser Stadt. Und wie ist das andernorts? In Montreal fand gerade eines der weltweit größten und wichtigsten Jazzfestivals mit insgesamt 2000 Musikern statt. Arte berichtet am Samstag ab 0 Uhr 10.

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