Kultur : Vorschau: All That Jazz

Als in Berlin Jazzfest war, hatte Jan Garbarek Pause. In seiner Osloer Wohnung hat er sich ein Studio eingerichtet, in dem er an neuen Sounds bastelt. Die Software bereitet ihm noch Probleme, aber der letzte Crash liegt immerhin schon mehr als zehn Tage zurück. Ein gutes Zeichen, meint er. Am letzten Novemberwochenende wird er drei Konzerte im Berliner Dom geben, sein Publikum wächst seit dreißig Jahren stetig. Nils Landgren liegt nicht ganz falsch mit seiner Behauptung, Garbarek sei der norwegische Nationalmusiker und zugleich ein deutsches Phänomen. Eine Schlüsselfigur für Garbarek war der Multiinstrumentalist Don Cherry. Als der sich in Südschweden aufhielt, trafen sie auch persönlich aufeinander und spielten zusammen. Cherry förderte in ihm das Gespür dafür, wie er Folklore seiner Heimat zur Entwicklung eines eigenen Sounds nutzen könnte.

In den 70er Jahren reiste Cherry mit seiner Familie als "Organic Music Theatre" in einem Kleinbus durch Europa, bevor er sich in Südschweden niederließ. Das war zur Zeit des Vietnam-Kriegs. Cherry hielt es aus politischen und ethischen Gründen in Amerika nicht mehr aus. Außerdem wollte er lernen, in der Natur zu leben. Davon hatte er schon lange geträumt: Tiere um sich zu haben, Holz im Kamin und einen Garten, in dem man die Nahrung aussät und erntet. So erkundete der in Watts, Los Angeles, aufgewachsene Trompeter in Schweden seine indianischen Wurzeln. Er wollte, dass seine Kinder anders aufwachsen als er. Er wollte sie mit Geduld und Respekt erziehen und fand dafür in Schweden ein gutes Umfeld.

Der Jazzpublizist und Festivalmacher Joachim Ernst Berendt war einer der Wenigen, der Don Cherry damals in Deutschland bekannt machte. Während des Jazzfests konnte man die Spuren dieses Engagements auf Plakaten der sechziger und siebziger Jahre gut erkennen. Don Cherry war eine der verlässlichen Konstanten des Berliner Jazzfestivals. Berendt entdeckte ihn auch als Visionär des großorchestralen Jazz. Ein Mitschnitt seines New Eternal Rhythm Orchestras aus Donaueschingen 1971 ist gerade auf CD erschienen (Actions). Eine Melodie könne viel mehr als nur unterhalten, sagte Cherry, sie kann das Publikum befähigen, an etwas Größerem teilzunehmen, zu singen, zu tanzen, zu denken. "Natürlich improvisieren wir auch in dieser Stockhausen-Stimmung", so Cherry, aber das Schwierigste war, ganz einfache Melodien zu spielen. "Ein langsamer Blues - das ist das Schwerste für mich." Mit seinen fünf Kindern, die alle selbst Musik machen, wollte er noch einmal auf Tour gehen. Dazu kam es nicht mehr. Don Cherry starb am 19. Oktober 1995 in Spanien an Leberversagen. Am kommenden Sonntag wäre er 65 Jahre alt geworden.

In Cherrys Nachlass fanden sich unzählige Tonbänder und Musikkassetten. Er hatte immer eine Schultertasche bei sich gehabt, in der sich mindestens hundert Kassetten befanden. Sie waren nicht beschriftet und enthielten vom argentinischen Tango bis zu Charlie Parker die Musik jener Menschen und Orte, denen er begegnet war. Von seinem indianischen Freund Jim Pepper hatte er den Song "Witchi Tai To" gelernt. Jan Garbarek hat diesen Titel zweimal aufgenommen, Anfang der siebziger Jahre hatte sein damaliger Pianist, Bobo Stenson, den Song über das indianische Wasserritual von Don Cherry übernommen. Für Garbarek ist es eines der schönsten Stücke ever.

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