Kultur : Vorschau: All That Jazz

Der offizielle Nachfolger von Miles Davis, der Trompeter Wallace Roney, kommt am 27. November zum Konzert des Jahres mit Herbie Hancock nach Berlin. Im Gegensatz zu Hancock hält Roney sich in seinem eigenen Plattenwerk an die sechziger Jahre, an die Brillanz der kleinen Besetzungen vor dem Ausklang der so genannten akustischen Phase des Jazz. Und während seine Platten still und leicht stur vor sich hinreifen, der Markt-Bedarf nicht wirklich geklärt scheint, reißen die Versuche jüngerer Trompeter nicht ab, an die so genannte Electric-Phase von Miles anzuknüpfen. Dazu gehört die Entdeckung des Berliner JazzFests 2001, der Trompeter Goran Kajfes, der auf seinem Debütalbum "Home" die Wah-Wah-Sounds der Siebziger und die Instrumentalminimalistik der Achtziger bemüht und auf die Höhe der Zeit bringt.

Die Stille als Trend

Auch Erik Truffaz gehört zu diesen Trompetern der Post-Miles-Generation. Der Opener "The Dawn Part I" auf seiner Remix-Compilation "Revisité" klingt wie eine Mischung aus "My Funny Valentine", Siebziger-Jahre-Miles und den schwimmenden Lounge-Riffs der Neunziger. Die Vorgabe, mit der das Mixer-Team "Mobile in Motion" an die Sache ging, hieß, das Zeug irgendwie clubkompatibel zu kriegen. Ihre TripHop-Version vergeht so unaufdringlich, wie sie beginnt. Der französisch-schweizerische Trompeter hat seine von DJ-Sounds und Samples inspirierte Jazzversion auf seiner neuen CD "Mantis", die morgen erscheint, sehr zurückgenommen. Jetzt steht die musikalische Auseinandersetzung mit Stille im Mittelpunkt - ist das vielleicht der Weg aus dem zeitgenössischen Dance- und Electro-Jazz, der nächste Trend der Lounge-Szene? Sein neues Quartett "Ladyland" mit dem rockorientierten Gitarristen Manu Codjia, Michel Benita, Kontrabass, und Phillipe Garcia, Schlagzeug und Parlophone, kommt am Donnerstag ins Quasimodo, Beginn wie gewohnt um 22.30 Uhr. Am Freitag und Samstag im Quasimodo, Beginn 22.30 Uhr.

Bedenken Sie bitte jetzt schon, das aktuelle Angebot verlangt nach Management von Kosten und Zeit. Jan Garbarek spielt kommenden Sonntag und Montag in Berlin, Hancock folgt dann am Dienstag.

Die Kunst des Flops

Ebenfalls in town diese Woche: der Saxofonist und Golfer Branford Marsalis. In seinen Anfangsjahren, als er mit 26 so richtig populär war, hießen seine Platten "Renaissance" oder "Royal Garden Blues". Die Verkaufszahlen seiner Jazzplatten näherten sich dann sukzessive der Nulllinie, seine CD "The Dark Keys" war der absolute Flop. Branford deutet derlei Fakten jedoch zum Geniestreich um. Sein Motto: Nur wer nichts verkauft, bezeugt Kreativität. Die Quartett-CD "Requiem", im Herbst 1998 aufgenommen, war überschattet vom Tod des langjährigen Freundes und Pianisten Kenny Kirkland, der während der vorausgegangenen Tour Farbe und Atmosphäre in Branfords Musik zurückgeholt hatte. Auf seiner CD "Contemporary Jazz" hatte Branford dann einen David-Murray-Moment. Im Booklet ist die Stelle genau beschrieben und tatsächlich - der einzige freie, ja inspirierte Augenblick dieser CD ist der Moment, wenn Branford die Sprache von David Murray spricht. Aber er kann noch viel mehr: Das aktuelle Branford Marsalis Quartett mit dem Superpianisten Joey Calderazzo gehört zum Besten, was der Jazz heute zu bieten hat.

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