Kultur : Vorschau: All That Jazz

Wenn man aus Denardo Colemans Bürofenster schaut, sieht man den New York Central Railroad Bahnhof von oben. An der Brandmauer gegenüber steht "Qualitäts-Autowäsche ganz ohne Wasser", es ist schwer zu sagen, in welchem Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts dieser Reklamespruch dort anbracht wurde. Die dazugehörige Werkstatt sieht jedenfalls so aus, als lägen ihre besseren Tage schon lange zurück. Links im Blick ein Haus, dessen Obergeschoss eingestürzt ist. Aus diesem Fenster besehen macht der Stadtteil, der zu den bekannstesten der Welt gehört, nicht gerade viel her. Im Eckhaus an der 125. Straße in East Harlem nehmen die zum Harmolodics-Studio gehörigen Räume etwa die Hälfte der sechsten Etage ein.

Dieses Studio gehört einem der einflussreichsten Musiker des amerikanischen Nachkriegsjazz, Ornette Coleman, und seinem Sohn, Manager und Schlagzeuger Denardo. Die letzte Neu-Veröffentlichung des heute 72-jährigen Colemans, "Colours", eine Duoaufnahme mit dem Pianisten Joachim Kühn, erhielt 1996 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Die Urkunde hängt heute eingerahmt in Colemans Studio.

Joachim Kühn kam über die Ornette Coleman-Platte "This Is Our Music" zum Jazz. Das muss so gegen 1960 gewesen sein, Kühn lebte damals noch in Leipzig, sechs Jahre später floh er über Hamburg nach Paris und spielte in der Band des Trompeters Don Cherry, einem Mitbegründer des legendären Ornette Coleman Quartetts. Kühn gibt zu Protokoll, dass Coleman und Cherry exakt die Musik machten, die er auch spielen wollte. Sie improvisierten gänzlich ohne Akkordwechsel, ihre Musik swingte auch ohne die bewährten Rhythm Changes. Ornette Coleman entwickelte daraus ein System, das er Harmolodics nennt. Es zielt darauf ab, in der Art und Weise des musikalischen Ausdrucks keinerlei Beschränkungen mehr unterworfen zu sein. Diese Musik klingt manchmal so, als würden zwei verschiedene Platten gleichzeitig laufen.

Drei Jahrzehnte kommt Colemans Musik ohne Klavier aus, bis er auf einmal Aufnahmen mit der jungen Pianistin Geri Allen veröffentlicht. 1996 lernen sich dann Ornette Coleman und Joachim Kühn kennen, die Duo-CD "Colors" dokumentiert den Beginn einer Freundschaft. Seitdem lädt Coleman den Pianisten regelmäßig nach New York ein, um mit ihm in seinem Harlemer Studio zu proben. Coleman ermutigte und inspirierte Kühn dazu, auch ein eigenes Konzept zu erfinden. Vierzig Jahre nach "The Shape Of Jazz To Come" präsentierte Kühn dann seine Ordnung der Dinge: Die Improvisationen auf seiner Ornette Coleman gewidmeten CD "The Diminshed Augmented System" sind vor allem soundorientiert, sie eröffnen dem Hörer eine wundersame Welt voll von düster wilden Klängen und schlaflos schöner Melodik.

Unter den zeitgenössischen Jazzpianoaufnahmen ist diese Solo-CD mit Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Ornette Coleman und Kühn selbst ein ganz bezauberndes Juwel, Kühn spielt große Energie auf hohem Niveau, präzise und hart, seine Bachinterpretationen sind von besessener Kühle, nie verschwendet Kühn dabei auch nur eine einzige Sekunde. Der Einfluss von Coleman ist überall spürbar, man hat das Gefühl, dass Kühn mittlerweile auf ebenso radikale wie einfühlsame Weise Colemans Ideen interpretiert und weiterdenkt, als wären sie von ihm gerade neu erfunden worden. Dem Jazz tut ein gutes Maß an Aggressivität gut, sagt der 58-jährige Joachim Kühn. Der führende Jazzpianist der europäischen Szene gibt heute eines seiner seltenen Solokonzerte im Kammermusiksaal der Philharmonie um 20 Uhr.

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