Kultur : Vorschau: Babel & Co: Bruni Preisendörfer über Narren, die Pappgewehre basteln

Wenn Autoren ihr erstes Buch veröffentlichen und die Kritiker sind zufrieden, wird ihnen gern "Talent" bescheinigt. Dabei ist dieses Lob eigentlich ein starkes Stück. Was heißt schon "Talent"? Noch dazu, wenn einem diese Anerkennung in literaturkritischer Herablassung zuteil wird. Es ist also gut und richtig, wenn auch in späteren Saisons an "talentierte Debütanten" erinnert wird. Christoph Peters ("Stadt, Land, Fluss") und David Wagner ("meine nachtblaue Hose") diskutieren am Montag um 20 Uhr im Literarischen Colloquium mit Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel und Hubert Winkels vom Deutschlandfunk.

Manchmal wird in dieser Kolumne vor Lesungen gewarnt, die stattfinden. Diesmal ist vor welchen zu warnen, die nicht stattfinden. Morgen Abend sollte Wolf Wondratschek in der Volksbühne, übermorgen im Buchhändlerkeller lesen. Beide Veranstaltungen fallen aus. Im Keller bewegt sich statt dessen ab 21 Uhr Rolf Hochhuth "Zwischen Sylt & Wilhelmstraße".

Gerne hätte ich Sie heute zu Don DeLillo gelinkt. Aber leider taucht unter www.dondellilo.com keine Schriftsteller-Seite auf, sondern die eines Namenshändlers: "This domain is for sale." Kehren wir also zu den guten alten "Printmedien" zurück. Don DeLillos neuester Roman "Körperzeit" ist ja überall besprochen worden. Und in der "Zeit" wurde vor drei Wochen ein Essay des Schriftstellers über die Einsamkeit des Schreibens veröffentlicht, ein völlig abgenudeltes Klischee, das aber den Autoren in der Werkstatt nach wie vor zu schaffen macht. Das Problem ist nicht das häufig beschworene "Sitzfleisch", man kann auch im Stehen schreiben, sondern Ausdauer bis zum Starrsinn bei der kreativen Selbstfesselung. DeLillo: "Was ist der Schriftsteller schon gegen den Strom? Der Narr in seinem Zimmer, der ein kleines Pappgewehr bastelt und lernt, dass es schießen kann."

Vermutlich sieht ein genobelter Autor wie Günter Grass das nicht so. Schließlich ist der Satz DeLillos keineswegs sinnbildlich gemeint. Man muss wirklich ein Narr sein, um einen Roman zu schreiben. Oder wie würden Sie einen erwachsenen Menschen bezeichnen, der Puppengewehre bastelt? Trotzdem würde ich schätzen, dass bei Grass der Narr nicht Günter heißt, sondern Oskar. Und der haut auf die Pauke. Aber das wissen Sie ja. Vielleicht interessiert Sie dennoch, was Grass am Sonntag um 18 Uhr zusammen mit Harry Mulisch im Haus der Kulturen der Welt zu sagen hat.

Mit Ausdauer und Starrsinn hat die Zeitschrift "die horen" es zu zweihundert Heften gebracht. Die aktuelle Ausgabe heißt "Der Flaneur und die Memoiren der Augenblicke", und natürlich stehen darin Texte von Waler Benjamin und Franz Hessel. Aber auch von Oskar Pastior, Kathrin Röggla und Alban Nikolai Herbst. Morgen um 20 Uhr treten sie mit den Heftherausgebern Herbert Wiesner und Ernest Wichner und Edutor Johann P. Tammen im Literaturforum auf. Herbst hat mal eine Novelle geschrieben, auf dessen Deckel der Verleger eine Fahrkarte geklebt hatte. Der Zug ist angekommen. Wenn Sie genug haben, steigen Sie einfach aus: "Der Zug kam vier Minuten nach sieben Uhr an. Als die Schaffner die Reisenden weckten, um ihnen die wegen nächtlicher Grenzkontrollen einbehaltenen Ausweise zurückzugeben, schlug man in seltsam verschlafener Heiterkeit die Augen auf. Ansgar hing das beständige Rollen des Zuges im Leib. Einige Zeit schmeckte er dem dösend nach."

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