Kultur : Vorschau: Babel & Co: Bruno Preisendörfer über die gespiegelte Vokuhila

Vorne hat sie eine Prachtmähne und hinten ist sie kahl: Wenn Fortuna, die Göttin des Glücks, vorübergeht, muss man die Gunst der Stunde nutzen und das Glück beim Schopf packen. Nur ein kurzes Zaudern, und schon ist es zu spät. Aber auch Glücksgriffe sind nicht von Dauer. Fortuna gilt von jeher als wankelmütig, was in der Geschichte wieder und wieder bewiesen und wieder und wieder aufgeschrieben worden ist. Boccaccio zum Beispiel hat nicht nur den über die Maßen berühmten "Decamerone" geschrieben, sondern auch ein ganz hinreißendes Büchlein mit dem Titel "Vom Glück und vom Unglück berühmter Männer und Frauen", in dem Fortunas Rad kräftig gedreht wird.

Zum Glück kann man sich über das Unglück mit Philosophie trösten. Das hört sich so an: "Cum te matris utero natura produxit..." Das war Anicius Manlius Severinus Boethius, lateinischer Schriftsteller, geboren um 480 nach Christus. Bei ihm hält Fortuna eine Rechtfertigungsrede: "Als dich die Natur aus dem Leib der Mutter zog, habe ich dich nackt, von allem entblößt aufgenommen, mit meinen Schätzen gehegt und dich, was dich jetzt ungeduldig gegen mich macht, mit geneigter Gunst allzu nachsichtig erzogen: mit dem Überfluss und Glanz all dessen, was nach Recht mir gehört, habe ich dich umgeben. Jetzt beliebt es mir, die Hand zurückzuziehen..."

Die Schrift des Boethius hieß "Trost der Philosophie". Diesen Titel hat sich Alain de Botton ausgeliehen, um in seiner charmant oberflächlichen Manier, die er schon mit "Wie Proust Ihr Leben verändern kann" unter Beweis gestellt hat, ein Buch über menschliche Probleme und ihre philosophische Bewältigung zu schreiben. Wie aller Kitsch ist auch Denk-Kitsch immer ein wenig kindlich, um die Unhöflichkeit des Ausdrucks infantil zu vermeiden; und wie alle Kitsch-Konsumenten reagieren auch Botton-Leser äußerst gereizt, wenn man die Qualitätsfrage stellt. Morgen um 20 Uhr tritt Botton bei Kiepert in der Georgenstraße 2 in Mitte vor die Gemeinde.

Im Internet kann man einen in Scheiben geschnittenen Hingerichteten sehen. Die digitale Erfassung dieses Körpers nennt sich "Visible Human Project" und wird mit schönster Selbstverständlichkeit von den anatomischen Instituten der ganzen Welt genutzt. Auch im Medizinhistorischen Museum der Charité wird Didaktik mit "Menschenmaterial" betrieben, mit echten Skeletten und wunderbar gruslig missgebildeten Föten in Formalin. Die Medizingeschichte ist durchzogen von experimenteller, didaktischer und ökonomischer Vernutzung von Menschenmaterial. Deshalb ist ein gewisser Typus von Vorträgen rund um die Körperwelten-Ausstellung mindestens naiv, genau genommen aber ethisch unwahrhaftig und intellektuell nicht satisfaktionsfähig. Morgen um 19 Uhr 30 spricht Prof. Dr. Dr. K. Bergdolt im Medizinhistorischen Museum (Philippstr. 12) über "Das Totschlagargument der Didaktik - Installationen aus Menschenmaterial."

Das Zitat am Ende der letzten Kolumne stammte aus den Tagebüchern von Joseph Goebbels. Heute geht es "Gegen die Frauen", wie ein eigener Abschnitt im Fortuna-Buch des Boccaccio heißt: "Wie süß und ölig sind ihre Worte, wie hold und lieb die Gebärden, wenn es nötig ist, wie geschickt kommt ihnen das Weinen an zu jeder Zeit. Viele werden davon gefesselt, besonders die, denen mehr an Begierde und Wollust liegt als an Tugend und Ehre. "

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