• Vorschau: Babel & Co: Bruno Preisendörfer über geflaggte Poesie und lyrisches Geeiere

Kultur : Vorschau: Babel & Co: Bruno Preisendörfer über geflaggte Poesie und lyrisches Geeiere

Ein Vertreter vertritt ein Buch. In Bibliotheken ist das manchmal so, wenn der Leser statt des Buches einen Pappkarton aus dem Regel zieht, auf dem steht, dass das Buch gerade neu gebunden wird oder gestohlen wurde. Im wirklichen Leben, außerhalb von Bibliotheken, vertritt ein Vertreter auch ein Buch. Genau genommen vertritt er viele Bücher. Und mit besonderer Hingabe solche, die sich schön stapeln lassen. Denn vom Absatz der vertretenen Bücher hängt der Verdienst des Buchvertreters ab. Wie das im einzelnen zugeht, ist am Samstag um 23 Uhr in der Dante Connection in der Oranienstraße zu erfahren. Die Veranstaltung ist Teil der "Langen Buchnacht", die um 16 Uhr am gleichen Ort mit italienischen Kindergeschichten beginnt. Man kann aber um 16 Uhr auch mit einem Besuch der K-Gruppe im Goldenen Hahn starten: Es lesen Kapielski, Krampitz und Kramer. Aus der Fülle des Programms sei noch die Russendiskolesung des hochunterhaltsamen Wladimir Kaminer um 21 Uhr in der Bona-Peiser-Bibliothek (hinter dem Moritzplatz) hervorgehoben

Von Rainer Moritz, nicht dem vom Platz, der heißt Karl Philipp, sondern dem vom Verlag Hoffmann & Campe, wurden kürzlich in dieser Zeitung in einem launigen Stück die fußballerischen Defizite der deutschen Gegenwartsliteratur beklagt; und das trotz des Sonntags, an dem F. C. Delius Weltmeister wurde. Die hinreißende Delius-Erzählung erschien 1994 und bezog sich natürlich auf das "Tooor! Tooor! Tooor! DEUTSCHLAND! IST! WELTMEISTER!" von 1954. Jetzt zieht Thomas Brussig nach, wie der neue Verlagsprospekt des S. Fischer Verlages ankündigt. Am 10. Oktober wird "Leben bis Männer" erscheinen, der Abrechnungsmonolog eines Fußballtrainers aus der Provinz.

Sollten Ihnen in der nächsten Zeit bedichtete Transparente auffallen, wundern Sie sich nicht. Es handelt sich um eine dieser albern schicken Kulturaktionen, die halt zu einer rummeligen Stadt wie Berlin gehören. Sie heißt "Berlin flaggt: Poesie!" Man beachte die künstlerisch wertvolle Setzung des Doppelpunktes. Im Rahmen des "Internationalen Literaturfestivals", das am Donnerstag beginnt, werden statt 99 Luftballons 99 Gedichte aufgeblasen. Sie blicken dann von Plakaten und Bannern auf uns herab.

Wahrscheinlich ist aber kein Eiergedicht des biederen Barden Erich Fried dabei. Vor einiger Zeit wurde an dieser Stelle eines zitiert. Ich liebe Eiergedichte von Fried, sie sind so vielsagend: "Ich brüte lange/ aber das Ei ist Eis/ Ich brüte lange/ aber das Ei ist Eisen/ Ich brüte lange/ und kann es nicht verstehen/ und was ich weiß/ das kann ich nicht beweisen:/ Der Kopf ist ein taubes Ei/ und das Herz ist ein Stein/ und das Blut ist Eis/ und die Hände sind Eisen."

Sie kennen "Barbar Rosa" und "Libidissi" und sind gierig auf Neues von Georg Klein? Begeben Sie sich heute um 18 Uhr 30 in die Rostlaube der Freien Universität und suchen Sie Raum K 29/29 auf. Dort liest Klein aus unveröffentlichten Erzählungen. Das Appetithäppchen hier stammt natürlich aus den veröffentlichten: "Wir zwei, wir Brüder im Geiste, wir rauchten und rauchten. Wir rauchten beide, was wir nur konnten, und standen im eisigen Regen. Der Ostwind des hauptstädtischen Wetters kasteite den Stirnbalkon unserer Penthouse-Wohnung. Unsere Hemden blähten sich zwangsbeatmet, unsere Krawatten peitschten uns um die Hälse..."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben