Kultur : Vorschau: Babel & Co

Übermorgen beginnt die Leipziger Frühjahrsmesse, die inzwischen ihr eigenes Standing entwickelt hat. Der Streit um den Bücheroscar ist beigelegt, auf pragmatisch unsalomonische Weise. Salomon hatte zwei um ein Kind streitenden Frauen angeboten, das Kind zu teilen und jeder eine Hälfte zu geben. Die Frau, die nachgab und auf ihre Hälfte verzichtete, wurde dann als Mutter anerkannt und bekam das Kind zugesprochen. Soviel Mutterliebe war bei Oscar nicht zu erwarten. Eine Hälfte kriegen die in München, die andere die Leipziger.

Es gibt Autoren, bei denen denkt man immer nur an das eine. Bei Heine, aber das führt zu weit. Bei William Gibson ist es der "Cyberspace". Bei Douglas Coupland die "Generation X". Dieser Slogan sagt auch Leuten etwas, denen gar nicht bewusst ist, dass er ein literarisches Artefakt ist. Über Couplands "Miss Wyoming", mit der er gerade in Deutschland tourt, können Sie am Sonntag um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne Erkundigungen einziehen.

Die kybernetischen Organismen, die "Cyborgs", haben in den künstlerischen Zukunftsfantasien die guten, alten Roboter abgelöst. Heute steht nicht mehr die Ersetzung des Menschen durch Maschinen, sondern die Verbindung des Menschen mit Maschinen auf der literarischen Tagesordnung. William Gibsons "Newromancer"-Romane sind dafür ein Beispiel. Ein früher Vorläufer der Cyborg-Fantasie ist E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann", in dem eine Puppe durch die projektive Fantasie eines Liebenden mit seelischer Energie aufgeladen wird. Das könnte man freudianisch interpretieren, aber das hat der Mann aus Wien in einer Schrift über das Unheimliche schon selbst erledigt. Von heute aus wäre die Story auch als eine psychologisch verpuppte Vorwegnahme cyborgistischer Fantasien zu lesen. Ob die Liebe zwischen Mensch und Automat auch bei Peter Härtling eine Rolle spielt, ist heute um 20 Uhr in der Akademie der Künste zu erfahren. Härtling präsentiert sein neues Buch "Hoffmann oder Die vielfältige Liebe." Aber hier ein Appetithäppchen von Hoffmann selbst: "Eiskalt war Olimpias Hand, er fühlte sich durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblicke war es auch, als fingen an, in der kalten Hand Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Ströme zu glühen."

Eine ganz andere Art der Vermenschlichung von totem Material wird in Carlo Collodis Pinocchio durchprobiert. Das Buch ist ein literarisches Horrorvideo, in dem der arme Holzbub gepeinigt wird bis aufs, na, sagen wir mal: bis auf die Fasern. Robert Coover hat dieses schlimme Buch von hinten aufgerollt: In seinem Roman kehrt Pinocchio als alter Mann nach Venedig zurück und verwandelt sich wieder in das Holzpüppchen. Heute um 20 Uhr im Literarischen Colloquium.

Goethe passt zu Peter Stein wie Faust aufs Auge. Das ZDF hat eine TV-Aufzeichnung der Stein-Inszenierung online verfügbar gemacht. Das Stück ist in Sequenzen aufgeteilt, die aufgerufen, nachgelesen und am Computerbildschirm ferngesehen werden können: www.zdf.Convivo.de . Werd ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön, dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann sei es gleich um mich geschehn.

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