Kultur : Vorschau: Babel & Co

Die Wahrheit ist ein Weib. Zu ihr muss man mit der Peitsche gehen. Das hat Nietzsche gesagt, der schnauzbärtige Verrückte, der sich selbst liebend gern ein bisschen von Lou Andreas-Solomé hätte peitschen lassen, und vor dem heute jeder auf dem Bauch liegt, der glaubt, seine philosophische Bildung unter Beweis stellen zu müssen. Die Göttin der Geschichte heißt "Clio". Schon wieder ein "Weib", dem man besser nicht über den Weg traut. Es redet mit seinen Geschichten immer denen nach dem Munde, die gerade das Sagen haben. Und wie ist es mit der Philosophie? Ist sie männlich oder weiblich? Diese Frage wird am Sonntag ab 15 Uhr in der Volksbühne beantwortet. Das ist, um es "sexistisch" auszudrücken, eine dieser philosophischen Blondinenfragen, deren Beantwortung so erregungseffizient wie unpraktisch ist. Würde gefragt "Ist die philosophische Fakultät männlich oder weiblich?", käme man zu handfesteren Ergebnissen. Zur Beantwortung bräuchte man nur in die Professorenlisten der entsprechenden Institute zu schauen.

Die "Körperwelten" haben einen neuen Besucherrekord aufgestellt, schlüssigerweise wurden sie bis September verlängert. Über diese Ausstellung wird auf beiden Seiten des Für und Wider viel scheinheilige Rhetorik aufgeboten. Dabei ist das eigentliche Feld einer medizinischen Ethik der Zukunft bestimmt nicht die gute alte Anatomie, sondern die Biotechnik. Hagens Präparate aus Menschenmaterial sind ein bildhauerisches Kinderspiel gegen das, was in "Forschung und Entwicklung" mit Menschenmaterial angestellt wird, wie die jüngste Diskussion um die "Vernutzung" embryonaler Zellen zeigt. Am Donnerstag um 19 Uhr 30 beginnt im Institut für Anatomie an der Charité (Philippstr. 12) ein "Themenabend Anatomie", in dem natürlich die "Körperwelten" im Vordergrund stehen werden.

Wie jedes Jahr gibt es wieder eine ästhetische Mainacht in der Akademie der Künste. Am Samstag ab 19 Uhr gibt es im Hanseatenweg Töne, Worte und Bilder im Überfluss, unter anderen von Baumgart, Heise, Kagel, Konrad, Lampe, Zagajewski. (Zum Selberdranbasteln die Vornamen: Adam, Jutta, György, Reinhard, Mauricio, Thomas.)

Heute vor 25 Jahren ist Ulrike Meinhof gestorben. Für manche ist sie immer noch eine Art Teufelin, für andere eine linke Leitfigur. Die Wahrheit liegt wohl eher im pädagogischen Bereich: In mentaler Hinsicht war Meinhof eine gleichzeitig überkandidelte und verzweifelte Oberlehrerin, die es einfach nicht ertragen konnte, dass die "Klasse", die sie befreien wollte, ihren Vorstellungen nicht pariert hat. In vielen ihrer Artikel summt der Unterton der Herablassung, von dem übrigens auch der heilige Rudi nicht frei war, der es geliebt hat, wie ein jakobinischer Bürokrat vom "zu emanzipierenden Subjekt" zu sprechen. Ulrike Meinhof, die wie Rudi Dutschke gewiss zu den wichtigen Persönlichkeiten der westdeutschen Nachkriegslinken gehört hat, soll heute das letzte Wort haben: "Man kann für Berlin sein, soweit es ein politischer Begriff ist, soweit es eine Stadt ist, insoweit dort ein sympathischer Deutschentyp wohnt, insoweit diese Stadt ein herrliches Klima, breite Straßen, Leute mit großer Fresse, preußischen Barock und viele gute Erinnerungen beherbergt. Eins kann man nicht: Die politische Atmosphäre dieser Stadt lieben. Zwischen dem schäbigen Osten, dem glänzenden Westen zieht sich die Mauer hin, und dazu im Osten Phrasen und im Westen eine fürchterliche Gereiztheit in politicis."

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