Kultur : Vorschau: Babel & Co

Früher, als alles schlechter war und die Mauer noch stand, gab es eine DDR-Literatur. Von BRD-Literatur dagegen wurde nicht gesprochen. Komisch eigentlich. Vielleicht hing das damit zusammen, dass man sich irgendwie kommunistisch anhörte, wenn man BRD sagte. Westdeutschland ging gerade noch. Am besten war Deutschland. Auf den Autohecks stand ja auch nicht WD oder BRD, sondern das große D. Dem entsprechend hieß die DDR-Literatur DDR-Literatur, und die BRD-Literatur hieß deutsche Literatur. Und alles zusammen, Österreich und Schweiz inbegriffen, hieß deutschsprachige Literatur. Wenn Sie wissen wollen, ob es so etwas wie die DDR-Literatur immer noch gibt, können Sie heute um 20 Uhr ins Literarische Colloquium gehen und hören, was junge Autorinnen dazu meinen, die in der DDR aufgewachsen sind: Katrin Askan (Jahrgang 1966) und Antje Rávic Strubel (1974) sprechen mit Jana Hensel (Jahrgang 1976). Und weil Denis Scheck moderiert, der einer der Juroren beim letzten Klagenfurter Vorturnen war, und weil Askan und Strubel dort Preise gewonnen haben, kriegen Sie vielleicht als Zugabe zum ost-westdeutschen Thema noch ein bisschen Klagenfurt-Feeling.

Reich-Ranicki ist ein Arschloch. Hoppla, jetzt habe ich doch glatt die Anführungszeichen vergessen. Noch mal von vorn: "Reich-Ranicki ist ein..." Einmal reicht. Jedenfalls hat das John Irving über den Kritiker gesagt, den fantasielose Leute gern als "Literaturpapst" bezeichnen. John Irving ist ein Freund von Günter Grass. Und Reich-Ranicki hatte im August 1995 nach dem Erscheinen von "Ein weites Feld" einen offenen Spiegelbrief an Grass geschrieben. Auf dem Cover des Magazins war ein rumpelstilzchenhaft wütender R.-R. zu sehen, der G.G.s Buch in der Luft zerreißt. Im Brief selbst, der in einem durchaus anderen, keineswegs reißerischen Ton gehalten ist, heißt es: "Sie überfordern die Geduld selbst Ihrer gutwilligsten Leser." Am Freitag um 20 Uhr haben Sie im Literaturforum Gelegenheit, zu überprüfen, ob dieses Urteil auch für den Vortrag durch das Fontane-Ensemble gilt, das (moderiert von Holger Teschke) aus dem "Weiten Feld" liest.

Der Narrenpapst, der in der vorigen Woche durch den letzten Absatz dieser Kolumne gehumpelt ist, war natürlich Quasimodo aus Victor Hugos "Notre-Dame de Paris". Heute möchte ich Sie mit der "Kleinen" bekannt machen: "In allem, was sie tat, paarten sich Übermut und Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten. Man nannte sie die "Kleine", was sie sich nur gefallen lassen musste, weil die schöne schlanke Mama noch um eine Handbreit höher war."

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